A. Einleitung

Die ärztliche Hilfeleistung zum Suizid volljähriger Patienten aus rechtsethischer und medizinstrafrechtlicher Perspektive

I. Ausgangslage

Jährlich sterben in Deutschland über 900.000 Menschen, hiervon ca. 10.000 Personen mit einem Durchschnittsalter von ca. 60 Jahren durch Suizid[1]. Die  Zahl der Suizidversuche wird auf ca. 100.000 pro Jahr geschätzt[2]. Es sterben demnach mehr Menschen durch Suizid als durch Unfälle, illegale Drogen, Mord und HIV-Erkrankungen zusammen.[3]

Nach verbreiteter Ansicht handelt es sich hierbei überwiegend um Appellsuizide und pathologische Überreaktionen.[4] Gleichwohl kommen freiverantwortliche Bilanzsuizide in geschätzt 5 Prozent der Fälle[5] vor und können durchaus rechtssicher festgestellt werden.[6]

Der Umgang mit dem Sterben gehört zu den großen medizinrechtlichen und rechtsethischen Herausforderungen[7], da der intensivmedizinische und technische Fortschritt die ärztlichen Handlungsoptionen am Lebensende vergrößert[8], während sich gleichzeitig auch das Krankheitsspektrum durch Zunahme chronisch kranker Patienten verändert. Der gesellschaftliche und politische Diskurs passt sich (auch aufgrund der Tätigkeit von sog. Sterbehilfevereinen) dieser Entwicklung an.[9]

Hieraus ergeben sich besonders im klinischen Alltag teils existenzielle medizinethische Dilemmata für den behandelnden Arzt, wenn dieser von einem volljährigen Patienten[10] um Hilfe zur sanften Beendigung der finalen Lebensphase gebeten wird  – sei es durch aktive Sterbehilfe oder durch ärztliche Hilfe bei eigenverantwortlichem Suizid des Patienten.

Im Kern geht es dabei um  die Frage, ob der Mensch zumindest das Recht hat, selbstbestimmt und bevormundungsfrei über sein Ableben zu bestimmen.[11]

Anders formuliert geht es um das ethische und rechtliche Spannungsfeld zwischen Patientenautonomie und staatlichem bzw. ärztlichem Lebensschutz.

II. Gang der Untersuchung

Gegenstand dieser Untersuchung ist die rechtsethische und medizin- strafrechtliche Betrachtung der ärztlichen Hilfeleistung zum Suizid.

Nach einem einleitenden Überblick über die Geschichte der Euthanasie werden zunächst die relevanten ethischen Begriffe und Kategorien erläutert. Es folgt eine Darstellung wesentlicher historischer Positionen sowie des aktuellen Stands der rechtsethischen Diskussion. Im letzten Teil wird die aktuelle Rechtslage aus den Perspektiven Menschenrechte, Grundrechte, ärztliches Berufsrecht und Medizinstrafrecht betrachtet.

WEITER


[1] Statistisches Bundesamt, Todesursachen in Deutschland 2015, S. 32.

[2] Wolflast/Schmidt, Suizid und Suizidversuch, S. 5.

[3] Pauly, Die rechtlichen Rahmenbedingungen der Sterbehilfe unter besonderer Berücksichtigung der Sterbehilfe bei Minderjährigen, S. 60.

[4] BGH, Urteil vom 04.07.1984 – 3 StR 96/84, BGHSt 32, 367, 376; OLG München, Urteil vom 31.07.1987 – 1 Ws 23/87, NJW 1987, 2940, 2942 (Fall Hackethal).

[5] BGH, Urteil vom 04.07.1984 – 3 StR 96/84, BGHSt 32, 367, 373.

[6] BGH, Urteil vom 04.07.1984 – 3 StR 96/84, BGHSt 32, 367, 377 ff.

[7] Hilgendorf, Einführung in das Medizinstrafrecht, Kapitel 4 Rn. 2.

[8] Hilgendorf, Einführung in das Medizinstrafrecht, Kapitel 4 Rn. 1.

[9] Ach / Wiesing / Marckmann in: Ethik in der Medizin, S. 235.

[10] Vgl. zur Problematik der minderjährigen Patienten: Pauly, Die rechtlichen Rahmenbedingungen der Sterbehilfe unter besonderer Berücksichtigung der Sterbehilfe bei Minderjährigen.

[11] Vgl. v. Zezschwitz, Ärztliche Suizidbeihilfe im Straf- und Standesrecht; Pauly, Die rechtlichen Rahmenbedingungen der Sterbehilfe unter besonderer Berücksichtigung der Sterbehilfe bei Minderjährigen, S. 11.