I. Ärztlich assistierter Suizid, Euthanasie

Der aus dem Lateinischen[1] stammende Begriff ´Suizid´ bezeichnet eine bewusste (also von Wissen und Wollen umfasste) Selbsttötung durch Handeln oder Unterlassen, nicht aber die irrtümliche bzw. fahrlässige Herbeiführung des eigenen Todes oder das Führen einer riskanten Lebensweise.[2] Der Begriff ist  (im Gegensatz zu ´Selbstmord´[3] und ´Freitod´[4]) wertneutral und unabhängig davon, ob der Tod mit fremder Hilfe herbeigeführt wird.[5]

Unter assistiertem Suizid versteht man in Abgrenzung verschiedener Suizidformen die Hilfe eines Dritten zu einem freiverantwortlichen und eigenständigen Suizid. Ist dieser Dritte Arzt, so spricht man auch von einem ärztlich assistierten Suizid. Üblich sind hierbei neben der Verschreibung oder Bereitstellung geeigneter Medikamente die Beratung und ggf. auch Begleitung des Suizidenten.[6]

Dem ärztlich assistierten Suizid wird im öffentlichen und parlamentarischen Diskurs regelmäßig unterstellt, eine moderne Form der Euthanasie oder doch zumindest ein zu unterbindender erster Schritt in Richtung erneuter Euthanasie zu sein.

Der Begriff ´Euthanasie´ hat (wie auch eine Vielzahl anderer Begriffe[7]) jedoch im Nationalsozialismus eine tiefgreifende Umdeutung erfahren. Die heute vorherrschende negative Konnotation des Wortes wurde maßgeblich durch diese Zeit geprägt und hat nur noch wenig mit der ursprünglich durchweg positiven Bedeutung gemein[8], denn in der Antike wurden Suizid und Suizidhilfe fast durchgehend als zulässig betrachtet[9].

Euthanasie findet sich spätestens ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. bei antiken griechischen Dichtern, welche hiermit ursprünglich einen frühen und leichten Tod[10] ohne leidvolle Krankheit meinten.[11] Ab dem 3. Jahrhundert v. Chr. verschoben die Stoiker dann das Verständnis von Euthanasie zu einem idealisierten tugendhaften und würdigen Tod[12] eines Weisen[13], denn “eines guten Todes zu sterben […] heiße, mit einem irgendwie beschaffenen Tod nach der rechten Art zu enden”.[14] Für die späteren Stoiker[15] (ca. 4 v. Chr. bis 180 n. Chr.) lag der Schwerpunkt dann weniger in der Art des Todes, sondern mehr in der Qualität des Lebens. Unter Euthanasie verstanden sie einen Tod[16], durch welchen ein (fortdauerndes) schlechtes Leben vermieden wird[17]. Nach dem liberalen antiken Verständnis handelte es sich bei Euthanasie somit gerade nicht um Hilfe zum Suizid, Töten auf Verlangen oder gar um eine unfreiwillige Tötung[18], sondern vielmehr um ein durchweg (auch im öffentlichen Diskurs) erstrebenswertes[19] und zumeist natürliches Lebensende.

Dies änderte sich ab dem frühen Mittelalter vor allem durch die zunehmend an Bedeutung gewinnende restriktive christliche Lehre, welche das Leben als ein jeglicher menschlicher Verfügung entzogenes Gottesgeschenk betrachtete.[20]

Ab der Renaissance gab es wieder vereinzelt differenzierte und an die antike Auffassung angelehnte liberalere Ansätze, wie z.B. bei dem englischen Geistlichen Thomas Morus[21] (1478-1535) und dem englischen Philosophen, Juristen und Staatsmann Francis Bacon[22] (1561-1626). Morus ergänzte den antiken Euthanasiebegriff um die Möglichkeit einer das Selbstbestimmungsrecht des Betroffenen beachtenden Suizidhilfe.[23] Bacon hingegen erklärte die ärztliche Suizidhilfe (´äußerlichen Euthanasia´) unter bestimmten Umständen sogar zur menschlichen Pflicht, da ein Arzt nach seiner Ansicht nicht nur beim Sterbenden verweilen, sondern diesen mit seinen ärztlichen Fähigkeiten (insbesondere durch Gabe von schmerzstillenden und anästhesierenden Mitteln[24]) auch einen leichten und friedlichen Tod ermöglichen soll.[25] Bereits damals stellte sich auch die Frage, ob durch möglicherweise vorschnelle Gabe derartiger Mittel alle palliativmedizinischen Möglichkeiten ausgeschöpft werden.[26]

Auf Bacon aufbauend entwickelte der Medizinprofessor Johann Christian Reil (1759-1813) die vor allem im medizinischen Bereich weit verbreitete[27] Ansicht, dass Euthanasie als ´Hinaushelf-Kunst´ eine ärztliche Aufgabe sei. Ärzte seien nach Reil verpflichtet, den Tod soweit möglich zurückzuhalten und den unvermeidlichen Tod so sanft wie möglich zu machen.[28]

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Begriff Euthanasie durch die Hervorhebung einzelner Aspekte des vermeintlichen Allgemeinwohls zunehmend negativ konnotiert und verlor dabei in Teilbereichen, insbesondere im Hinblick auf die Vermeidung oder Vernichtung ´lebensunwerten Lebens´[29], das Element der  Selbstbestimmtheit des Betroffenen. Diese Entwicklung begann mit Charles Darwin (1809-1882) und dem darauf aufbauenden Sozialdarwinismus.

Darwin begründete mit seinem Hauptwerk ´On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life´ 1859 die moderne Evolutionstheorie[30]  mit dem Kernbegriff der ´natural selection´, welche durch Auslese der weniger tauglichen Nachkommen zu einer immer leistungsfähigeren Population führt.[31] Diese Lehre entwickelte Darwin dann in seinem Buch ´The Descent of Man, and Selection in Relation to Sex´ von 1871 weiter und schloss, dass in zivilisierten Gesellschaften durch medizinische Unterstützung der körperlich und geistig Schwachen  deren ´natürliches Ausscheiden´ verhindert wird, was zwar ´kontraselektorisch´ und ´äußerst nachteilig´ für die Rasse sei, aber gleichwohl durch die Gesellschaft ´ertragen´ werden müsse.[32]

Hierauf basiert der sog. Sozialdarwinismus, welcher allerdings in Teilaspekten bereits vor dem insofern lediglich als Katalysator und wissenschaftliche Autorität genutzten[33]) Charles Darwin bestand und unter anderem auch durch den als ´Vater des deutschen Sozialdarwinismus´[34] bzw. als ´der deutsche Darwin´[35] bezeichneten Zoologieprofessor Ernst Haeckel (1834-1919) begründet wurde. Spätestens ab der 1875 veröffentlichten zweiten Auflage seines Werkes ´Natürliche Schöpfungsgeschichten´ beschrieb Haeckel die nach seiner Lehre förderlichen Effekte von ´künstlicher Züchtung´[36] sowie die vermeintlich hinderlichen Effekte ´künstlicher Auslese´[37] durch eine Medizin, welche auch kranken und schwachen Menschen die Fortpflanzung ermögliche und somit die Gesellschaft auf Dauer schwäche. Dieser Lehre fügte der französische Diplomat und Schriftsteller Joseph Arthur de Gobineau (1816-1882) die Idee einer angeblich durch ´Vermengung´ gefährdeten übergeordneten ´arischen´ Rasse hinzu.[38]

Gobineaus Ansichten führten dann über die Eugenik und Rassenhygiene zum nationalsozialistischen Rassenglauben[39] und dem darauf basierenden Vernichtungs-System.

Die in England vor allem durch den britischen Naturforscher und Schriftsteller Francis Galton (1822-1911) entwickelte ´Eugenik´[40] bezeichnet als ´positive Eugenik´ die aktive genetische Verbesserung und als ´negative Eugenik´ die Verhinderung einer genetischen Verschlechterung eines Individuums oder einer menschlichen Population.[41]

Die ´Rassenhygiene´ ist eine zunächst durch den Arzt Alfred Ploetz (1860-1940) entwickelte deutsche Variante der Eugenik. Laut Ploetz muss sich das konkrete Individuum (Individual-Hygiene) dem angenommenen genetischen Wohl der übergeordneten und von Ploetz als “Culturrasse par Excellence”[42] bezeichneten ´arischen´ Rasse (Rassenhygiene) unterordnen.[43]

Dies fand große Zustimmung in der von den Folgen des ersten Weltkrieges geprägten deutschen Bevölkerung[44] und mündete in dem für das nationalsozialistische Euthanasie-Verständnis (wenn auch zunächst in der Rechtswissenschaft abgelehnte[45]) grundlegende[46] gemeinsame Werk des zu seiner Zeit bedeutenden[47] Strafrechtlers Karl Binding (1841-1920) und des einflussreichen Psychiaters Alfred Hoche (1865-1943).

Binding kommt zu dem Schluss, dass die Euthanasie als eine lediglich zwei Todesursachen vertauschende Heilbehandlung[48] keine Tötungshandlung im Rechtssinne[49] darstellt und daher zumindest die Tötung von unheilbar Kranken bzw. Verwundeten auf deren Wunsch, unheilbar geistig Behinderten und unheilbar verwundeten Bewusstlosen legitimiert sei.[50]

Dieses Ergebnis ergänzt und bestätigt Hoche mit volkswirtschaftlichen bzw. gesundheitsökonomischen Überlegungen.[51] Während Binding hierfür noch zumindest die mutmaßliche Einwilligung des Betroffenen fordert[52], geht Hoche deutlich weiter[53] und verlangt lediglich das Fehlen von eigenen Interessen des Betroffenen. Denn nach seinem Ansatz ist jemand, der nicht in der Lage ist, Bedürfnisse oder Interessen zu empfinden, geistig tot, so dass durch seine körperliche Tötung kein Unrecht geschieht.

Aus dem hieraus abgeleiteten staatlichen Auftrag, die von Binding / Hoche aufgezeigten (und vermeintlich vermeidbaren) volkswirtschaftlichen Kosten durch eine neu definierte ´Euthanasie´ möglichst zu vermeiden, entwickelte der nationalsozialistische Staat ab 1939 ohne gesetzliche Grundlage[54] umfangreiche (teilweise sogar als ´human´ bezeichnete[55]) Tötungsprogramme[56], welchen insgesamt ca. 113.000 Menschen zum Opfer fielen.[57] Teile der an diesem Vernichtungsprogramm beteiligten Ärzte wurden 1946-1947 im Nürnberger Ärzteprozess verurteilt.[58]

WEITER


[1] lateinisch sui = seiner (selbst) und caedere = töten, zusammengesetzt: suicidere (Verb)bzw. suicidium (Nomen).

[2] Gavela, Ärztlich assistierter Suizid und organisierte Sterbehilfe, S. 3.

[3] Stoecker, Vorgänge 175, S. 4.

[4] Nietzsche, Also sprach Zarathustra, S. 74.

[5] Rissing-van Saan, Stellungnahme Anhörung Sterbebegleitung, S. 5.

[6] Gavela, Ärztlich assistierter Suizid und organisierte Sterbehilfe, S. 4 f.

[7] Vgl. Rüthers, Die unbegrenzte Auslegung.

[8] Hoerster, Sterbehilfe im säkularen Staat, S. 12 f.

[9] Decher, Signatur der Freiheit, S. 41 ff.

[10] ´Euthanasie´ leitet sich ab vom Griechischen´eu thánatos´, was ´guter (leichter) Tod´ bedeutet.

[11] Benzenhöfer, Der gute Tod? Geschichte der Euthanasie und Sterbehilfe, S. 13; Oduncu, In Würde Sterben, S. 37.

[12] Potthoff, Euthanasie in der Antike, S. 15.

[13] Benzenhöfer, Der gute Tod? Geschichte der Euthanasie und Sterbehilfe, S. 16.

[14] Potthoff, Euthanasie in der Antike, S. 15.

[15] Vor allem Seneca, Epiktet und Marc Aurel.

[16] Dies schloss dann begrifflich auch einen Suizid ein.

[17] So beispielhaft: Seneca, Briefe an Lucilius über Ethik Teil 1, 70. Brief, 489 (491).

[18] Benzenhöfer, Der gute Tod? Geschichte der Euthanasie und Sterbehilfe, S. 19.

[19] Sueton, Kaiserbiographien, S. 175.

[20] Hilgendorf, Einführung in das Medizinstrafrecht, Kapitel 3 Rn. 4; Thomas von Aquin, Recht und Gerechtigkeit – Theologische Summe II-III, Frage 64 Artikel 5, S. 93 ff.

[21] Morus, Utopia, S. 137 f.

[22] Bacon, Über die Würde und die Förderung der Wissenschaften, S. 236 f.

[23] Hilgendorf, Einführung in das Medizinstrafrecht, Kapitel 3 Rn. 6.

[24] Vgl. Benzenhöfer, Der gute Tod? Geschichte der Euthanasie und Sterbehilfe, S. 61.

[25] Bacon, Über die Würde und die Förderung der Wissenschaften, S. 237.

[26] Benzenhöfer, Der gute Tod? Geschichte der Euthanasie und Sterbehilfe, S. 61 f.

[27] Benzenhöfer, Der gute Tod? Geschichte der Euthanasie und Sterbehilfe, S. 66.

[28] Reil, Entwurf einer allgemeinen Therapie, S. 563.

[29] Vgl. Hilgendorf, Einführung in das Medizinstrafrecht, Kapitel 3 Rn. 7.

[30] Vgl. Braem, Charles Darwin – Eine Biografie, S. 305 ff.

[31] Vgl. Darwin, On the Origin of Species, S. 226 ff.

[32] Darwin, Die Abstammung des Menschen, S. 148.

[33] Vogt, Sozialdarwinismus, S. 224 f.

[34] Iwand, Paradigma Politische Kultur, S. 330.

[35] Desmond/Moore, Darwin, S. 608.

[36] Haeckel, Natürliche Schöpfungsgeschichten, S. 153 f.

[37] Haeckel, Natürliche Schöpfungsgeschichten, S. 154.

[38] Gobineau, Versuch über die Ungleichheit der Menschenracen, S. 280 ff.

[39] Mann, Biologismus im 19. Jahrhundert, S. 80.

[40] Aus dem Altgriechischen εὖ = ´gut´, und γένος = ´Geschlecht´.

[41] Galton, Hereditary Talent and Character, S. 157 ff.

[42] Ploetz, Grundlinien einer Rassen-Hygiene, S. 5.

[43] Ploetz, Grundlinien einer Rassen-Hygiene, S. 13.

[44] Hilgendorf, Einführung in das Medizinstrafrecht, Kapitel 3 Rn. 16 f.

[45] Schmuhl, Rassenhygiene, Nationalsozialismus, Euthanasie, S. 119; Meltzer, Das Problem der Abkürzung “lebensunwertes Lebens”.

[46] Hilgendorf, Einführung in das Medizinstrafrecht, Kapitel 3 Rn. 24.

[47] Benzenhöfer, Der gute Tod? Geschichte der Euthanasie und Sterbehilfe, S. 89.

[48] Binding/Hoche, Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens, S. 17.

[49] Binding/Hoche, Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens, S. 18.

[50] Binding/Hoche, Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens, S. 29 ff.

[51] Binding/Hoche, Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens, S. 54 f.

[52] Binding/Hoche, Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens, S. 32.

[53] Binding/Hoche, Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens, S. 55.

[54] Hilgendorf, Einführung in das Medizinstrafrecht, Kapitel 3 Rn. 22.

[55] vgl. Wiesing, Ethik in der Medizin, S. 61 f.

[56] Am bekanntesten ist das nach seiner Zentrale in der Berliner Tiergartenstraße 4 als ´Aktion T4´ bezeichnete Programm zur Tötung von Kindern und körperlich bzw. geistig behinderten Erwachsenen, welches auch nach seiner offiziellen Einstellung im Jahr 1941 inoffiziell durch Aushungern der Opfer fortgesetzt wurde.

[57] Hilgendorf, Einführung in das Medizinstrafrecht, Kapitel 3 Rn. 22 ff.

[58] vgl. Mitscherlich/Mielke, Medizin ohne Menschlichkeit.