II. Rahmenbedingungen ärztlicher Tätigkeit, Teil 2

Als Begründung für das Verbot der ärztlichen Hilfeleistung zum Suizid wird besonders der dritte Teil des Eides zitiert:

“Auch werde ich niemandem ein tödliches Mittel geben, auch nicht, wenn ich darum gebeten werde, und werde auch niemanden dabei beraten; auch werde ich keiner Frau ein Abtreibungsmittel geben.”

Wie auch andere Teile dieses Eides ist diese (übliche) Übersetzung fragwürdig und interpretationsfähig, denn eine genauere philologische Betrachtung des ursprünglichen Textes ergibt, dass dort der Schwangerschaftsabbruch nicht generell verboten wird, sondern lediglich eine bestimmte Form des Schwangerschaftsabbruchs.[1] In der Antike war der Suizid nach heutigen Erkenntnissen weithin akzeptiert. Wenn nun das Verbot einer Hilfeleistung zum Suizid auf das o.a. Verbot zur Gabe tödlicher Mittel gestützt wird, so ist dies nicht zwingend. Vielmehr scheint sich der Wortlaut auf ein Verbot des Tötens auf Verlangen zu beschränken und eine anderweitige ärztliche Hilfe zum Suizid eines Patienten gerade nicht zu umfassen.[2]

Der Eid ist im zeitlichen Zusammenhang seiner Entstehung zu sehen und hat heute nur geringe praktische Relevanz, da zumindest in Deutschland kein Arzt diesen Eid ablegen muss. Auch der Eid des Hippokrates unterliegt einer kontinuierlichen Adaption an kulturelle und soziale Veränderungen.[3]

Die Gegner ärztlicher Suizidhilfe verweisen zwar regelmäßig auf den Eid als ethische Grundlage des Arztberufes, müssten dann aber aufgrund derselben (engen) Interpretation des Eides folgerichtig auch jegliche Abtreibung und die ärztliche Tätigkeit von Frauen und Chirurgen ablehnen.

2. Deklaration von Genf

Praktisch wesentlich relevanter ist das durch Aufnahme in die überwiegend in Landesrecht umgesetzte Musterberufsordnung[4] als Berufsrecht geltende Deklaration von Genf[5] des Weltärztebundes von 1948, zuletzt revidiert im Jahr 2017. Sie stellt eine moderne, säkulare Version des Eids des Hippokrates dar und entstand als Reaktion auf die Nürnberger Ärzteprozesse 1946/47.[6]

Im Gegensatz zum Hippokratischen Eid enthält die Deklaration von Genf keine Regelung über die Sterbehilfe, lediglich in Satz 4 heißt es:

“Ich werde die Autonomie und die Würde meiner Patienten oder meines Patienten respektieren.”

In manchen Situationen könnte auch Satz 5 relevant werden:

“Ich werde nicht zulassen, dass Erwägungen von Alter, Krankheit oder Behinderung (…) oder jeglicher anderer Faktoren zwischen meine Pflichten und meine Patientin oder meinen Patienten treten.”

WEITER


[1] Wiesing in: Ethik in der Medizin, S.38.

[2] Hilgendorf, Einführung in das Medizinstrafrecht, Kapitel 1 Rn. 10 Fn. 10.

[3] Girshovich, Wem gehört der Tod ?, S. 24 ff.

[4] Bundesärztekammer, (Muster-)Berufsordnung für die in Deutschland tätigen Ärztinnen und Ärzte, vor A. Präambel.

[5] Auch ´Genfer Gelöbnis´ genannt.

[6] Hilgendorf, Einführung in das Medizinstrafrecht, Kapitel 1 Rn. 15.