II. Rahmenbedingungen ärztlicher Tätigkeit

Aus der ärztlichen Tätigkeit ergeben sich für den Arzt rechtliche Vorgaben, welche andere Gesundheitsberufe nicht treffen.

1. Hippokratischer Eid

Nach althergebrachter ´hippokratischer´ Tradition steht der Arzt  für das Leben ein und darf somit keinesfalls den Tod bringen.[1] Der wohl über 2000 Jahre alte hippokratische Eid ist historisch und aktuell sowohl in der Medizin als auch in der Ethik sehr einflussreich.[2]

Allerdings ist vieles an diesem Eid zweifelhaft:

Einen großen Teil seiner Bedeutung als Leitbild der Medizin[3] gewinnt der Eid zunächst daraus, dass er dem schon zu Lebzeiten hoch verehrten griechischen Arzt Hippokrates von Kos (465 – 375 v. Chr.) zugeschrieben wird, welcher als wohl berühmtester Arzt des Altertums und ´Vater der modernen Medizin´ gilt. Allerdings geht die Forschung heute davon aus, dass der Eid wahrscheinlich nicht von Hippokrates stammt[4], sondern im 4. Jh. v. Chr. in einer pythagoräischen Ärztegruppe entstand, größere Verbreitung erst durch seine Aufnahme in das Corpus Hippocraticum (4. Jh. v. Chr. bis 1. Jh. nach Chr.) fand, in der Antike weithin unbekannt war und seine heutige Bedeutung erst später in der christlichen und islamischen Kultur des Mittelalters erlangte.[5]

Für die Frage des ärztlich assistierten Suizids ist zunächst der zweite Teil des Eids interessant, welcher von den ärztlichen Pflichten gegenüber dem Kranken handelt. Der Arzt wird hierin auf das Wohl des Patienten und das Gebot der Schadensvermeidung verpflichtet, also auf das auch heute noch als ´beneficence´ und ´nonmaleficence´ bioethisch hoch relevante Prinzip des ´primum nil nocere´[6].[7]

WEITER


[1] Laufs / Kern / Rehborn, Handbuch des Arztrechts, § 6 Rn. 10; Deichgräber, Der hippokratische Eid, S. 31.

[2] Wiesing in: Ethik in der Medizin, S.38.

[3] Hilgendorf, Einführung in das Medizinstrafrecht, Kapitel 1 Rn. 8.

[4] Hilgendorf, Einführung in das Medizinstrafrecht, Kapitel 1 Rn. 8.

[5] Vgl. Wiesing in: Ethik in der Medizin, S.38 ff.

[6] Lateinisch = vor allem nicht schaden.

[7] Wiesing in: Ethik in der Medizin, S.39.