II. Rechtsethische Urteilsbildung

1. Moral und Ethik

Die zeitgenössische Bedeutung der Begriffe ´Moral´ und ´Ethik´ erschließt sich wohl am praktischsten durch deren etymologische Herkunft[1]:

Der Begriff ´Moral´ wird vom lateinischen ´mos´ abgeleitet, welcher oftmals lediglich eine synonyme Übersetzung des altgriechischen ´ethos´ war.[2] Im modernen Deutsch versteht man unter ´Moral´ ein das menschliche[3] Verhalten betreffende Normensystem mit Anspruch auf unbedingte[4] und überparteiliche[5] Gültigkeit.[6] In unserer pluralistischen Gesellschaft bestehen mehrere, sich auch teilweise gegenseitig ausschließende Moralen (zunächst grundsätzlich gleichberechtigt) nebeneinander. Ein in der Medizin über 2000 Jahre gängiger, wenn auch nicht unumstrittener Moralkodex ist der sog. Hippokratische Eid.[7] Das Adjektiv ´moralisch´ ist zunächst wertungsfrei, es wird im alltäglichen Sprachgebrauch allerdings oft im Sinne einer aus Sicht der Moral der sprechenden Person richtigen Ansicht wertend genutzt.[8]

Der Begriff ´Ethik´ leitet sich vom altgriechischen ἔθος[9] bzw. ἦθος[10] ab und bezeichnet wertungsfrei kollektive Gepflogenheiten und Verhaltensweisen eines Gemeinwesens[11] bzw. individuelle Haltungen und Einstellungen einer Einzelperson.[12] Im modernen Sprachgebrauch versteht man unter Ethik die Wissenschaft von der Moral, welche hypothetische oder tatsächlich existierende Moralen und ihre jeweiligen Begründungsmuster untersucht.[13] Ethik wird auch als Moralphilosophie bezeichnet.[14] Nach einer (eher weit gefassten) funktionalen Definition beschäftigt sich die Ethik mit einem “sozialen System von ineinandergreifenden Normen, Werten, Tugenden, Praktiken, Identitäten, Institutionen, Technologien und Mechanismen, die dahingehend zusammenwirken, reine Selbstbezogenheit zu begrenzen oder zu regulieren und überindividuelle Kooperation zu ermöglichen”.[15] Dementsprechend ist auch das Adjektiv ´ethisch´[16] wertneutral und bedeutet lediglich, dass eine Frage in den Gegenstandsbereich oder in das Wissensgebiet der Ethik fällt.[17]

Moral ist somit ein Normensystem, Ethik deren wissenschaftliche Reflexion. Moral ist der Gegenstand, Ethik ist die Wissenschaft.[18]

Die Rechtsethik ist sowohl ein Teilgebiet der philosophischen Ethik als auch ein Teilgebiet der Rechtsphilosophie und beschäftigt  sich mit der Frage, welches Recht gerecht ist[19], wobei sie das Recht zu Zielen und Werten in Beziehung setzt und es einer Rechtfertigung bzw. Kritik unterzieht[20].

2. Unterlassungseffekt

Bei Untersuchung rechtsethischer Theorien und höchstrichterlichen bzw. gesetzgeberischen Positionen zum ärztlich assistierten Suizid wird vielfach der sog. Unterlassungseffekt (Englisch = ´omission bias´) erkennbar. Er beschreibt den weit verbreiteten systematischen Denkfehler, aktive Handlungen im Vergleich zu objektiv gleichwertigen Unterlassungen als signifikant riskanter und verwerflicher anzusehen.[21] Dementsprechend werden aktive Handlungen regelmäßig auch bei objektiv gleichen Konsequenzen im Vergleich zu Unterlassungen sowohl moralisch als auch ggf. forensisch irrational stärker verurteilt.

In verhaltenswissenschaftlichen Studien hat sich gezeigt, dass Probanden ein Unterlassen, welches sicher zu negativen Folgen führt, einem Handeln vorziehen, welches nur möglicherweise zu negativen Folgen führt. So könnte z.B. ein Arzt aus Angst vor zivilrechtlicher und strafrechtlicher Haftung dazu tendieren, die einzig verfügbare, aber riskante Therapie nicht anzuwenden, obwohl sein Patient ohne Behandlung sicher versterben wird.

Der Unterlassungseffekt begünstigt passives Verhalten[22], denn es ist für Menschen psychologisch und moralisch besser vertretbar, überhaupt nicht zu handeln, als etwas falsch zu machen.[23]

Möglicherweise lassen sich so die stark unterschiedliche medizinethische Bewertung von aktiver Sterbehilfe und Behandlungsabbruch sowie die (teilweise zumindest systemfremden) juristischen Kunstgriffe bei der strafrechtlichen Abgrenzung zwischen Handeln und Unterlassen im Rahmen der ärztlichen Suizidhilfe erklären.

3. Deskriptive, normative und analytische Ethik

Ethik (und somit auch die Rechtsethik) lässt sich im Wesentlichen in drei Ebenen einteilen: deskriptive (bzw. empirische) Ethik, normative Ethik und analytische Ethik (bzw. Metaethik).[24]

Die deskriptive Ethik nimmt eine beschreibende (bzw. als empirische Ethik auch eine experimentelle) Perspektive ein und klärt, welche Moralen in verschiedenen Kulturkreisen oder sozialen Kleingruppen vorhanden sind.[25] Der ´empirical turn´ der Ethik hat in den letzten Jahren zu einem vermehrten Einsatz von empirischen Methoden u.a. der experimentellen Verhaltensforschung und der Sozialforschung geführt.[26]

Die normative Ethik untersucht aus einer legitimatorischen Perspektive die grundlegenden Argumente für oder gegen moralische Positionen.[27]

Die (analytische) Metaethik beschäftigt sich aus einer grundsätzlichen Perspektive mit dem logischen, semantischen und pragmatischen Gehalt[28] moralischer Begriffe, Aussagen oder Argumentationen und versucht zu klären, ob moralische Aussagen überhaupt einen Wahrheitsanspruch geltend machen können und ob die normative Ethik somit überhaupt sinnvoll ist.[29] Sie beleuchtet somit sowohl die Moral als Gegenstand der Ethik, als auch die Ethik selbst (daher auch die Bezeichnung als Metaethik).[30]

Die normative Ethik ist sowohl auf die analytische Ethik als auch auf die deskriptive Ethik angewiesen, da normative Urteile ohne Beachtung des tatsächlichen Kontexts und ohne Verständnis der verwendeten moralischen Konzepte zu einem von der Wirklichkeit losgelösten Moralisieren werden könnten.[31]

4. Metaethische Klassifikation normativer Ethik

Die wohl bedeutendste metaethische Klassifikation normativer Ethik besteht in der ontologischen[32] Einteilung nach dem inhaltlichen Fokus moralischer Normen in die (im Ergebnis oft nur teilweise korrelierenden[33]) tugendethischen, deontologischen und teleologischen Ansätze.[34]

Adam Smith formulierte diese zusammenfassend so:

“Welches Lob oder welcher Tadel auch immer einer Handlung gebühren mag, beides muss sich entweder erstens auf die Absicht und die innerste Gesinnung richten, aus der sie hervorgeht, oder zweitens auf die äußere Tat oder die Körperbewegung, welche durch diese Gesinnung veranlasst wurde, der schließlich auf die guten oder bösen Folgen, die wirklich und tatsächlich aus ihr hervorgehen.”[35]

Für die aktuelle Rechtsethik dominieren die auch als Gerechtigkeitstheorie und als Sollensethik[36] bezeichneten Fragen nach dem ´Gerechten´ und dem ´Gesollten´, also vor allem deontologische und teleologische Themen, welche im medizinrechtlichen Kontext regelmäßig in schwierigen und für alle Beteiligten bedeutsamen Entscheidungs- oder Konfliktsituationen[37] am Lebensende relevant werden.

Zunächst werden die klassischen Theorien erläutert. Es folgen alternative Thesen und  moderne Ansätze aus der Bioethik sowie der aktuelle Stand der Diskussion zum ärztlich assistierten Suizid.

WEITER


[1] Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, S. 11.

[2] Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, S. 12.

[3] Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, S. 15.

[4] Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, S. 16.

[5] Baier, The Moral Point of View, S. 201; Wallner, Rechtsethik in der Medizin, S. 36.

[6] Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, S. 13.

[7] Wiesing in: Ethik in der Medizin, S. 38.

[8] Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, S. 14.

[9] ´Ethos´, ursprüngliche griechische Bedeutung: Wohnung / Wohnort / gewohnter Sitz, darüber hinaus auch: Sitte / Gewohnheit / Brauch.

[10] Auch: Charakter / Denkweise / Sinnesart.

[11] Vgl. auch den Begriff Ethos, z.B. als Standesethos bei Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, S. 20.

[12] Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, S. 11.

[13] Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, S. 17.

[14] Krämer, Integrative Ethik, S. 94; Düwell/Steigleder, Bioethik, S. 14.

[15] Haidt/Kesebir, in: Handbook of Social Psychology, S. 800; Wallner, Rechtsethik in der Medizin, S. 34.

[16] Ebenso wertneutral ist  der Begriff ´nicht ethisch´, da er nur eine Frage bezeichnet, welche nicht der Ethik zugehörig ist. Hiervon abzugrenzen ist der technisch falsche, umgangssprachlich oft  mit ´unmoralisch´ synonym gebrachte Begriff ´unethisch´.

[17] Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, S. 18.

[18] Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, S. 19.

[19] Pfordten, Rechtsethik, S. 1 ff.

[20] Pfordten, Rechtsphilosophie, S. 14.

[21] Eisenführ/Weber/Langer, Rationales Entscheiden, S. 369.

[22] Göbel, Richtig entscheiden, Kapitel 9.4.1.

[23] Schweizer, Kognitive Täuschungen vor Gericht, Kapitel 12 Rn. 1 ff.

[24] Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, S. 21; Wallner, Rechtsethik in der Medizin, S. 35.

[25] Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, S. 22.

[26] Wallner, Rechtsethik in der Medizin, S. 35 Fn. 111.

[27] Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, S. 22; Wallner, Rechtsethik in der Medizin, S. 35.

[28] Wallner, Rechtsethik in der Medizin, S. 35.

[29] Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, S. 22.

[30] Wallner, Rechtsethik in der Medizin, S. 35.

[31] Höffe, Lebenskunst und Moral, S. 37; Wallner, Rechtsethik in der Medizin, S. 36.

[32] Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, S. 95.

[33] Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, S. 91.

[34] Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, S. 88.

[35] Smith, Theorie der ethischen Gefühle, S. 137 f.

[36] Krämer, Integrative Ethik, S. 10.

[37] Wallner, Rechtsethik in der Medizin, S. 40.