III. Menschenrechte und Grundrechte, Teil 4

2. Grundgesetz

Das 1949 auch als Manifest gegen das nationalsozialistische Regime[1] entstandene Grundgesetz schützt (obgleich kontrovers diskutiert) in Artikel 1 GG und in Artikel 2 GG das Recht auf Suizid sowie das Recht des Suizidenten, sich hierbei von einem freiwilligen Dritten helfen zu lassen.

Gegen diese Ansicht wurde vereinzelt in Rechtsprechung[2] und Literatur[3] vorgebracht, dass sich bereits aus Art. 2 Abs. 2 S. 1 Alt. 1 GG ein verfassungsrechtliches Verbot jeglicher Selbsttötung ergebe, da die Verfassung zwar ein Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit[4], aber gerade keine Verfügungsmacht über das eigene Leben gewährleiste und unabhängig vom Willen des Betroffenen eine umfassende und absolute Pflicht des Staates bestehe, das Leben seiner Bürger zu schützen.[5]

Eine verfassungsrechtliche ´Pflicht zum Leben´ ist dem Wortlaut des Art. 2 GG aber gerade nicht zu entnehmen.[6] Die Grundrechte sind keine lebensleitenden Rechtspflichten der Bürger, sondern primär Abwehrrechte der Bürger gegenüber dem Staat. Auch die Entstehungsgeschichte des Art. 2 GG als Antwort auf die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie spricht nur für Art. 2 GG als ein Abwehrrecht gegen paternalistische staatliche Eingriffe[7] in autonome Entscheidungen am Lebensende.[8]

WEITER


[1] Wallner, Rechtsethik in der Medizin, S. 77.

[2] BGH, Urteil vom 10.03.1954, GSSt 4/53, BGHSt 6, 147, 153; BGH, Urteil vom 07.02.2001 – 5 StR 474/00, BGHSt 46, 279, 285; BayObLG, Urteil vom 18.11.1988 – RReg. 1 St 186/88, NJW 1989, 1815, 1816; VG Karlsruhe, Urteil vom 11.12.1987 – 8 K 205/87, NJW 1988, 1536, 1537.

[3] Isensee/Kirchhof, Handbuch des Staatsrechts, Band IX, § 147 Rn. 39; Martens, Der Schutz des Einzelnen im Polizei- und Ordnungsrecht, S. 459; Hillgruber, Der Schutz des Menschen vor sich selbst, S. 83.

[4] Vgl. BGH, Urteil vom 08.06.2005 – XII ZR 177/03, BGHZ 163, 195, 200.

[5] Saliger, Selbstbestimmung bis zuletzt, S. 50.

[6] Roxin in: FS Dreher, S. 338.

[7] Vgl. auch zur Abgrenzung zur Rechtsprechung des BVerfG zum Schwangerschaftsabbruch: Günzel, Das Recht auf Selbsttötung, seine Schranken und die strafrechtlichen Konsequenzen, S. 33; Gavela, Ärztlich assistierter Suizid und organisierte Sterbehilfe, S. 231.

[8] Münch/Kunig, Grundgesetz, Art. 2 Rn. 51.