III. Tugendethik

Die Tugendethik (auch Gesinnungsethik oder aretaische Ethiken[1] genannt) trifft moralische Urteile allein nach der vorlaufenden Motivation menschlichen Verhaltens, also aufgrund dauerhafter Charakterdispositionen oder akuter Affektlagen, wobei die daraus resultierenden Taten und ihre Folgen nur als Manifestation dieser Gesinnung relevant sind.[2]

Die Tugendethik war die in der Antike (Platon, Aristoteles, Seneca) und im Mittelalter (Thomas von Aquin) dominierende Moralphilosophie, während sie in Neuzeit und Moderne weitgehend in Vergessenheit geriet.[3]

Dies änderte sich erst ab ca. 1950, als eine Gegenbewegung zu den bis dahin dominierenden deontologischen und teleologischen Theorien wieder tugend- ethische Ansätze etablierte, insbesondere in der Tradition von Aristoteles. Entsprechende Ethiken finden sich exemplarisch bei Philippa Foot (1920 – 2010) und Alasdair MacIntyre (geb. 1929) sowie bei Martha Nussbaum (geb. 1947).[4]

1. Platon

Platon (ca. 428 – 348) verfasste seine philosophischen Schriften fast ausschließlich in Form von Dialogen, in welchen zumeist sein Lehrer Sokrates (welcher selbst keine eigenen Schriften hinterließ) die Hauptfigur darstellte. Es wird angenommen, dass Platons Frühwerk eng an die tatsächlichen Lehren des historischen Sokrates angelehnt ist und das Spätwerk zunehmend eigene Thesen Platons repräsentiert.[5] Unter anderem in der ´Politeia´[6] entwickelt Platon einen detailliert ausgearbeiteten und bis in das Mittelalter hinein wirkmächtigen[7] Katalog von innerlichen  Kardinaltugenden[8]. Platon versteht Gerechtigkeit nicht als Haltung gegenüber anderen Menschen, sondern in einer extremen Form tugendethischer Auslegung[9] als Harmonie der verschiedenen Teile einer unsterblichen menschlichen Seele[10]. Ein gerechter Mensch werde keine ´Untaten´ begehen, da sich seine Tugenden auch auf seine Handlungen auswirke.[11]

Auf das Argument, dass nur das dem jeweiligen Herrscher Nützliche gerecht sei[12], antwortet Platon, dass jede wahre Kunst auf das Wohl des von ihr Regierten ausgerichtet sei, nicht aber auf das Wohl des Regenten. Die wahre Heilkunst diene daher primär dem Wohl des Kranken und nicht dem Wohl oder dem Selbstverständnis des Arztes.[13] Platon steht dem Suizid grundsätzlich ablehnend gegenüber, da der Mensch sich nicht selbst gehöre, sondern in der Macht der (Leben stiftenden und Leben nehmenden) Götter stehe. Allerdings befürwortet er bestimmte Suizide, z.B. bei entsprechendem göttlichem Befehl, dem Verlust der Ehre oder bei unheilbarer Krankheit des Suizidenten. Somit befürwortet Platon den ärztlich assistierten Suizid, sofern eine unheilbare Krankheit des Patienten vorliegt und der Suizid dem Patientenwohl entspricht.

2. Aristoteles

Auch Aristoteles (384 – 322) versteht Gerechtigkeit tugendethisch, also als eine Charaktereigenschaft – im Gegensatz zu Platon allerdings als eine im Verhältnis zu anderen Menschen wirksame äußerliche Eigenschaft.[14] Für ihn ist das ´höchste Gut´ gerade das gelungene, gute Leben in Form der jeweils individuell zu definierenden[15] und durch tugendhafte und vernünftige[16] Lebensführung zu verwirklichenden Glückseligkeit (eudaimonia)[17], welche als einziges Lebensziel ausschließlich um ihrer selbst willen erstrebt werde[18].[19] Aristoteles geht von einer differenzierten menschlichen Seele[20] aus und entwickelte einen nicht abschließenden Katalog[21] von fünf Verstandestugenden[22] und elf äußerlichen Charaktertugenden[23] und bezeichnet die abstrakte wissenschaftliche bzw. philosophische Weisheit[24] und die eher lebenspraktische Klugheit[25] als ethisch gleichberechtigte[26] Zentraltugenden.

Aristoteles geht davon aus, dass ein Suizid in Ermangelung einer ausdrücklichen gesetzlichen Erlaubnis strafbar sei, denn der Suizident handele gegen die übergeordneten Interessen der Gemeinschaft. Als angemessene Strafe schlägt Aristoteles ´Ehrverlust´ vor.[27] Er differenziert nach den Motiven des Suizidenten und verurteilt insbesondere einen Suizid zur Vermeidung von Armut oder Liebeskummer als Tat eines Feiglings, welcher vor den Herausforderungen des Lebens flieht und anstelle des Suizids lieber die Tugend der Tapferkeit stärken sollte.[28] Über Aristoteles Position zum ärztlich assistierten Suizid lässt sich nur spekulieren. Es scheint aber plausibel, dass er auch diesen ablehnen würde, da gerade durch die Möglichkeit eines ´einfachen´ Todes die Entwicklung von Tapferkeit und die bewusste Konzentration auf die Erlangung von Glückseligkeit während des Lebens eingeschränkt würde.

3. Seneca

Lucius Annaeus Seneca (ca. 1.  v. Chr. – 65 n. Chr.) war einer der meistgelesenen (wenn auch für seinen Lebenswandel kritisierten[29]) Stoiker seiner Zeit, wobei er kein neues philosophisches System erschuf, sondern die ethischen Lehren und Tugenden der Stoa[30] neu[31] alltagsbezogen formulierte.[32]

Seneca befürwortete den Suizid, wenn ein Leben nicht mehr ´naturgemäß´ schien, denn “wenn der Körper das, was er tun soll, nicht mehr tun kann, warum sollte man nicht seine leidende Seele von ihm befreien dürfen ?”[33] Wichtig war für Seneca weniger die reine Lebenszeit, sondern vielmehr die bis zum Tod erfahrene Lebensqualität.[34] Er war ein starker Befürworter der Patientenautonomie am Lebensende:

„Für das Leben muß jeder auch Rücksicht nehmen auf die Billigung anderer, den Tod bestimme er ganz nach eigener Wahl; je mehr nach unserer Neigung, desto besser.”[35]

„Wenn die eine Todesart mit Folterqualen verbunden ist, die andere einfach und leicht, warum sollte ich mich nicht an die letztere halten?”[36]

“Wem es die eigene Notlage erlaubt, der soll nach einem sanften Tod Ausschau halten.”[37]

Konsequenterweise befürwortete Seneca auch die ärztliche Hilfeleistung zum Suizid:

“In dem einen Punkt wird sich der Richter von einem Arzt unterscheiden, nämlich dass ein Arzt den kranken Menschen, denen er das Leben nicht mehr schenken konnte, einen leichten Ausgang aus dem Leben ermöglicht; (…)”.[38]

4. Thomas von Aquin

Thomas von Aquin (ca. 1125 – 1274) bemühte sich als wohl bekanntester tugendethischer Scholastiker um die Synthese antiker Philosophie und christlicher Theologie und gilt als mittelalterlicher Wiederentdecker der zwischenzeitlich vergessenen Lehren von Aristoteles.[39] Ähnlich diesem entwickelte Thomas von Aquin  (vor allem in seinem Hauptwerk Summa Theologica) einen auf einem Seelenmodell[40] beruhenden Katalog von fünf Verstandestugenden[41], vier Kardinaltugenden[42] und drei theologischen Tugenden[43].

Thomas von Aquin sah den Suizid (und somit auch die ärztliche Hilfe hierzu) als Todsünde an, denn ein solcher verstoße sowohl gegen die Gemeinschaft, als auch gegen die natürliche Neigung zur Selbsterhaltung und sei eine Sünde gegen Gott, dem es als Schöpfer des Lebens auch allein zustehe, Leben zu nehmen.[44] Insbesondere dieses Argument hat die Jahrhunderte überdauert und ist auch heute noch wesentlicher Bestandteil der Diskussion.[45]

WEITER


[1] Griechisch ´arete´ = Tugend, Tüchtigkeit, Vortrefflichkeit.

[2] Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, S. 90.

[3] Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, S. 99.

[4] Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, S. 146 ff.

[5] Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, S. 101 ff.

[6] Griechisch = Staat, Bürgerschaft.

[7] Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, S. 110.

[8] Weisheit (sophia), Tapferkeit (andreia), Besonnenheit (sophrosyne), Gerechtigkeit (dikaiosyne); Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, S. 102 f., 108 f.

[9] Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, S. 110.

[10] Platon, Politeia, Buch IV, S. 443c-444a.

[11] Platon, Politeia, Buch IV,. S. 442e-443c.

[12] Platon, Politeia, Buch I, S. 338c-339a, 340c-341a, 343a-344c.

[13] Platon, Politeia, Buch I. S. 341c-342e, 345b-347e.

[14] Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, S. 110.

[15] Aristoteles, Nikomachische Ethik, I.2, 1095a, I.6, 1097b.

[16] Aristoteles, Nikomachische Ethik, I.6, 1098a.

[17] Griechisch: ´eu´ = gut; ´daimonion´ = Gottheit, Fügung, Geschick.

[18] Aristoteles, Nikomachische Ethik, I.5, 1097a-b.

[19] Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, S. 112 f.

[20] Aristoteles, Nikomachische Ethik, I.13, 1102a-1103a; Aristoteles, De anima, II.3, 414a-b.

[21] Aristoteles, Nikomachische Ethik, II.7, 1107a-1108b.

[22] (Wissenschaft (episteme), Einsicht (nous), Weisheit (sophia), Kunst (techne), Klugheit (phronesis)).

[23] (Tapferkeit (andreia), Besonnenheit (sophrosyne), Freigiebigkeit (eleutheriotetes), Großherzigkeit (megalosprepeia), Ehrbewusstsein, Seelengröße (megalopsychia), Sanftmut (praotes), Freundlichkeit (philia), Wahrhaftigkeit (aletheia), Gewandtheit (eutrapelia), Gerechtigkeit (dikaiosyne)).

[24] Aristoteles, Nikomachische Ethik, VI.7, 1141b.

[25] Aristoteles, Nikomachische Ethik, VI.5, 1140b.

[26] Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, S. 125.

[27] Aristoteles, Nikomachische Ethik, V.15, 1138a.

[28] Aristoteles, Nikomachische Ethik, V.15, 1138a.

[29] König, Seneca, Der gute Tod, S. 15.

[30] Insbesondere Leidenschaftslosigkeit (apatheia), Unerschütterlichkeit (ataraxia) und Selbstgenügsamkeit (autarkeia).

[31] König, Seneca, Der gute Tod, S. 12.

[32] Maurach, Seneca: Leben und Werk, S. 1.

[33] König, Seneca, Der gute Tod, S. 77 f.

[34] Seneca, Briefe an Lucilius über Ethik Teil 1, 70. Brief, S.  491.

[35] Rosenbach, Seneca, Philosophische Schriften, Bd. III, S. 266 f.

[36] Seneca, Briefe an Lucilius über Ethik Teil 1, 70. Brief, S.  491 f.

[37] König, Seneca, Der gute Tod, S. 74 f.

[38] König, Seneca, Der gute Tod, S. 89.

[39] Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, S. 139 f.

[40] Thomas von Aquin, Summa Theologica, I, Quaestio 77, Quaestio 78.

[41] Wissenschaft (scientia), Einsicht (intellectus), Weisheit (sapientia), Kunst (ars) und Klugheit (prudentia).

[42] Klugheit (prudentia), Gerechtigkeit (iustitia), Tapferkeit (fortitudo) und Besonnenheit (temperantia).

[43] Glaube (fides), Hoffnung (spes) und Liebe (caritas).

[44] Thomas von Aquin, Recht und Gerechtigkeit – Theologische Summe II-III, Frage 64 Artikel 5, S. 93 ff.

[45] Die Lehren des Thomas von Aquin hatten bis 1983 auch direkte Auswirkungen auf den katholischen Bestattungsritus, da das Kirchenrecht (Codex Iuris Canonici, c. 1240 § 1 Nr. 3, 2350 § 2) für Suizidenten die kirchliche Beerdigung sowie die Totenmesse untersagte.