IV. Deontologie

Spätestens seit dem 18. Jahrhundert war die westliche Ethik von dem Wechselspiel deontologischer und teleologischer Sollensethiken geprägt, welche gerade auch im medizinethischen Diskurs über lange Zeit vorherrschend waren.[1]

Die deontologische Ethik[2] bewertet das menschliche Verhalten selbst und unmittelbar danach, ob es gut und recht ist.[3] Sie formuliert dabei primär Pflichten bzw. Gebote für menschliche Verhaltensweisen und betrachtet die einer Handlung zugrunde liegende Motivation oder deren Folgen nur nachrangig.[4] So kann eine Handlung deontologisch auch dann zu begrüßen sein, wenn ihre Konsequenzen nicht erstrebenswert sind.[5]

Eine negative medizinische Diagnose mag für den Patienten niederschmetternde Folgen haben, gleichwohl ist die wahrheitsgemäße Aufklärung in jedem Fall deontologisch geboten. Andererseits kann eine positive Konsequenz einer Handlung (z.B. Wissensgewinn in einer klinischen Studie) deontologisch nicht jede Handlung rechtfertigen (z.B. nicht die bewusste bzw. bewusst fahrlässige Tötung einiger Studienteilnehmer).[6] Der Zweck heiligt somit auch für Deontologen nicht jedes Mittel. Einige deontologische Ethiken formulieren den Handlungsbegriff sehr umfassend und betrachten nicht nur das konkret genutzte Mittel, sondern auch die verfolgten Zwecke und die mit der Handlung akzeptierten Nebeneffekte, womit auch ohne Aufgabe deontologischer Grundbegriffe ermöglicht wird, differenzierte Normen zu formulieren.[7]

1. Kant

Immanuel Kant (1724 – 1804) gilt als Hauptvertreter deontologischer Ethik, weswegen sich spätere Deontologen auch meist über ihn (oder in Relation zu ihm) definieren.[8] Die ´kantianische Position´ wird in der gegenwärtigen Ethik regelmäßig als Gegenpol zu ´aristotelischen Strömungen´ und zu ´utilitaristischen Traditionen´ gesehen.[9]

Kant geht davon aus, dass nur rationale Wesen ohne eigenen Leib (und somit auch ohne sinnliche Bedürfnisse) notwendig in Übereinstimmung mit dem als moralisch Richtig erkannten handeln, während Menschen als leibliche Wesen zwingend mit dem Widerstand ihrer individuellen Neigungen rechnen müssen.[10] Somit sei der menschliche Wille die einzige Charaktereigenschaft, welche ausnahmslos als ´gut´ bezeichnet werden könne.[11] Nur der Mensch als vernunftbegabtes Wesen sei in der Lage, nach Prinzipien zu handeln[12] und durch willentliche Selbstgesetzgebung moralbegründende Autonomie[13] zu erlangen.[14] Sofern diese Prinzipien für den Willen nötigend sind, nennt Kant sie als Gebot der Vernunft ´Imperativ´. Er unterscheidet zwischen ´hypothetischen´ und ´kategorischen´ Imperativen, um (lediglich) kluges von (höherwertigem) moralischen Verhalten zu unterscheiden.[15] Ein hypothetischer Imperative ist grundsätzlich von Bedingungen abhängig und lediglich ein Mittel, um etwas anderes zu erreichen.[16] Ein kategorischer Imperativ gilt hingegen stets unbedingt.[17] Eine Version des kategorischen Imperativs lautet:

“(…) ich soll niemals anders verfahren, als so, dass ich auch wollen könnte, meine Maxime solle ein allgemeines Gesetz werden.”[18]

Unter ´Maximen´[19] versteht Kant relativ allgemein gehaltene, persönliche Handlungsgründe, die sich ein Mensch verlässlich angeeignet hat.[20]

Rechtsethisch relevant sind vor allem jene Maximen, welche laut Kant ´vernünftig´, also verallgemeinerungsfähig, sind. Nur vernünftige Maximen sollten (nach einer ethischen Prüfung[21]) zu allgemeingültigen Gesetzen führen, da der Gesetzgeber ansonsten lediglich Partikularinteressen verfolge.[22] Moralisch ist laut Kant eine Handlung nur dann, wenn sie nicht auf äußere Güter, Glück, Liebe oder sonstige Neigungen gerichtet ist, sondern allein aus Achtung vor dem Sittengesetz und in Befolgung einer Pflicht erfolgt.[23]

Kant lehnt  den Suizid (und somit auch die Hilfe zum Suizid) ab und bezeichnet ihn als Verstoß gegen ´engere Pflichten´ des Suizidenten[24] sowie als ´moralisches Verbrechen´[25], welches mangels Eingriff in die Freiheit Dritter zwar ethisch, nicht aber rechtlich relevant sei.[26] Die diesbezüglich zu prüfende Maxime sei das Prinzip der Selbstliebe, also der Grundsatz, das eigene Leben abzukürzen, wenn es in der bevorstehenden Zeit mehr Übel als Annehmlichkeiten erwarten lässt. Sollte eine solche Maxime allgemeines Gesetz werden, so müsse eine jede derartige Abwägung automatisch zu einem Bilanzsuizid führen. Somit würde die Selbstliebe, welche an sich das Leben erhalte, zugleich durch Suizide Leben vernichten. Da dies widersprüchlich sei, könne es nicht gedacht (und somit auch nicht gewollt) werden, dass eine entsprechende Maxime ein allgemeines Gesetz werde.[27] Jeder Suizident verstoße gegen die individuelle und gesellschaftliche Pflicht zur Selbsterhaltung[28] und somit auch gegen die Selbstzweckformel des kategorischen Imperativs:

“Handle so, dass Du die Menschheit, sowohl in Deiner Person, als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.”[29]

Ein Verständnis des Suizids als Ausdruck eines autonomen, selbstbestimmten Lebens und Sterbens ist laut Kant widersprüchlich und abzulehnen, da der Suizident durch seinen Tod ja gerade jede weitere selbstbestimmte Handlung verhindere.

Kants Argumentation zur Maxime der Selbstliebe ist insgesamt nur wenig überzeugend. Zwar mag es sein, dass ein zwingender Bilanzsuizid dazu führen würde, dass eine Vielzahl von Menschen in einer subjektiv empfundenen Tiefphase (z.B. jugendlicher Liebeskummer) automatisch aus dem Leben scheiden würden und somit die Menschheit nicht mehr überlebensfähig wäre. Hieraus lässt sich allerdings nur ableiten, dass ein solches Gesetz nicht nachhaltig wäre und dazu führen würde, dass es nach einiger Zeit keine Menschheit mehr gäbe, welche das Gesetz anwenden (oder auch nur darüber nachdenken) könnte. Allerdings scheint Kant die Maxime der Selbstliebe hier zu eng zu definieren und damit die Vielzahl möglicher individueller Gründe für einen Suizid zu stark zu vereinfachen.[30]

Kants rigoroses Abstellen auf den kategorischen, unbedingten Imperativ verhindert die Berücksichtigung der besonderen Umstände eines Einzelfalls und somit auch die individuelle Vorbereitung einer höchstpersönlichen Gewissensentscheidung. Die stringente Befolgung aller Pflichten gegen sich selbst würde in letzter Konsequenz dazu führen, dass am Lebensende faktisch keine Patientenautonomie mehr bestünde.

2. Deontologische Reaktionen auf Kant

Immanuel Kant gilt als wesentlicher Autor einer differenzierten deontologischen Ethik und dient als literarischer Referenzpunkt für spätere kantianische Philosophen wie z.B. William Ross (1877 – 1971), John Rawls (1921 – 2002), Jürgen Habermas (geb. 1929) und Christine Korsgaard (geb. 1952). Diese entwickeln zwar individuelle Ansätze, ihre Philosophien lassen sich aber oft auf die Prinzipien ´Vorrang des Rechten vor dem Guten´ bzw. ´Vorrang des Gerechten vor dem Guten´ reduzieren.

Rechtsphilosophisch folgt daraus oftmals die sowohl deontologische als auch liberale Forderung nach einer weitgehenden Neutralität des Staates, welcher seinen Bürgern weder tugendethische Konzepte guter Lebensführung noch teleologische Zielbilder vorschreiben soll. Vielmehr soll der Staat unter strikter Anerkennung zentraler Freiheiten ein faires Zusammenleben seiner Bürger ermöglichen und deren Rechtspflichten neutral durchsetzen.[31]

Insbesondere William David Ross (1877 – 1971) stellte 1930 ein für die Medizinethik relevantes[32] System gleichrangiger moralischer Pflichten[33] vor, welche er als deontologische Alternative zu den von ihm als zu simpel empfundenen[34] kantischen bzw. utilitaristischen  Theorien entwickelte. Nach Ross sollen diese Pflichten zwar unbedingt gelten (also nicht nur bei zu erwartenden ´guten´ Konsequenzen), als sog. ´prima-facie-Pflichten´[35] aber nicht kategorisch, da sie in ihrer Anwendung stets kontextualisiert und im konkreten Konfliktfall zu einem schonenden Ausgleich gebracht werden müssen.[36] Insofern hat Ross auch einen Grundstein für die spätere Moral Foundation Theory und für die Prinzipien biomedizinischer Ethik nach Beauchamp und Childress gelegt.

WEITER


[1] Wallner, Rechtsethik in der Medizin, S. 62.

[2] Griechisch ´deon´ = das Erforderliche, das Schickliche, das Geschuldete; auch: Pflichtethik oder Gebotsethik genannt.

[3] Düwell, Handbuch der Ethik, S. 123.

[4] Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, S. 90 f.

[5] Frankena, Ethik, S. 17.

[6] Wallner, Rechtsethik in der Medizin, S. 70 f.

[7] Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, S. 151.

[8] Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, S. 151.

[9] Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, S. 152.

[10] Kant, Kritik der praktischen Vernunft, S. 22.

[11] Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, S. 18; Kant, Kritik der praktischen Vernunft, S. 19.

[12] Kant, Kritik der praktischen Vernunft, S. 41.

[13] Höffe, Ethik, S. 68; Wallner, Rechtsethik in der Medizin, S. 73.

[14] Wallner, Rechtsethik in der Medizin, S. 72.

[15] Schönecker / Wood, Kants „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“, S. 114.

[16] Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, S. 43.

[17] Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, S. 43.

[18] Kant, Kritik der praktischen Vernunft, S. 28.

[19] vgl. Höffe, Ethik, S. 70.

[20] Höffe, Lebenskunst und Maximenethik, S. 80 ff.; Wallner, Rechtsethik in der Medizin, S. 73.

[21] Höffe, Ethik, S. 71.

[22] Wallner, Rechtsethik in der Medizin, S. 73.

[23] Kant, Kritik der praktischen Vernunft, S. 26.

[24] Kühl in: FS Schünemann, S. 163.

[25] Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, S. 180.

[26] Kühl in: FS Schreiber, S. 964.

[27] Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, S. 43; Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, S. 179.

[28] Kant, Metaphysik der Sitten, Weischedel-Ausgabe Bd. VIII, Zweiter Teil Tugendlehre, § 6, S. 555.

[29] Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, S. 61.

[30] Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, S. 180 f.

[31] Wallner, Rechtsethik in der Medizin, S. 205 f.

[32] Wallner, Rechtsethik in der Medizin, S. 80.

[33] Ross, The Right and the Good, S. 21 (“duties of fidelity, reparation, gratitude, justice, non-maleficence, beneficence, self-improvement”): Die Pflicht, Versprechen einzuhalten. Die Pflicht, Schäden wieder gut zu machen. Die Pflicht, Helfern zu danken. Die Pflicht, das Wohl anderer zu fördern. Die Pflicht, andere nicht zu schädigen. Die Pflicht, das Wohl anderer zu fördern. Die Pflicht, uns selbst zu verbessern.

[34] Ross, Foundations of Ethics, S. 189.

[35] Ross, The Right and the Good, S. 20 Fn. 21.

[36] Wallner, Rechtsethik in der Medizin, S. 80.