IV. Strafrecht, Teil 11

Die Beschwerdeführer rügten übereinstimmend die Bestimmtheit der Vorschrift sowie je nach persönlicher Situation Verletzungen des allgemeinen Persönlichkeitsrechts, des Grundrechts auf Gewissensfreiheit oder des Grundrechts auf Berufsfreiheit.[1] Dem folgte das Bundesverfassungsgericht im Wesentlichen:

Die Straflosigkeit des Suizids und der Suizidhilfe steht nicht zur freien Disposition des Gesetzgebers.[2] § 217 StGB ist nicht mit dem Grundgesetz vereinbar, da die Norm im Kontext der weiteren Gesetzeslage dazu führt, dass das Recht auf Selbsttötung in weiten Teilen faktisch entleert ist.[3]

Durch die zumindest faktisch handlungsleitenden berufsrechtlichen Verbote der ärztlichen Suizidhilfe besteht ein tatsächlicher Bedarf an geschäftsmäßigen Angeboten der Suizidhilfe[4], insbesondere, da kein Arzt  verpflichtet werden kann, Suizidhilfe zu leisten[5].

Das Verbot des § 217 StGB hingegen suspendiert die Selbstbestimmung des Suizidenten vollständig und unterstellt ihm mangelnde Freiheit und Reflexion, wodurch die verfassungprägende Grundvorstellung des Menschen als eines in Freiheit zu Selbstbestimmung und Selbstentfaltung fähigen Wesens[6] in ihr Gegenteil verkehrt wird.[7]

Die staatliche Schutzpflicht zugunsten der Selbstbestimmung und des Lebens kann auch erst dort gegenüber dem Freiheitsrecht des Suizidenten den Vorrang erhalten, wo dieser Einflüssen ausgeliefert ist, welche eine Selbstbestimmung über das eigene Leben gefährden.[8] Hier haben die staatlichen Schutzpflichten zugunsten weniger einschneidender Maßnahmen der Autonomiesicherung zurückzutreten, um der Selbstbestimmung des Suizidenten Raum zu lassen und ihn nicht zu einem Leben im Widerspruch zum eigenen Selbstverständnis zu zwingen.[9]

WEITER


[1] BVerfG, Urteil vom 26.02.2020 – 2 BvR 2347/15, 2 BvR 651/16, 2 BvR 1261/16, 2 BvR 1593/16, 2 BvR 2354/16, 2 BvR 2527/16, Rn. 3 ff.

[2] BVerfG, Urteil vom 26.02.2020 – 2 BvR 2347/15, 2 BvR 651/16, 2 BvR 1261/16, 2 BvR 1593/16, 2 BvR 2354/16, 2 BvR 2527/16, Rn. 274.

[3] BVerfG, Urteil vom 26.02.2020 – 2 BvR 2347/15, 2 BvR 651/16, 2 BvR 1261/16, 2 BvR 1593/16, 2 BvR 2354/16, 2 BvR 2527/16, Rn. 278.

[4] BVerfG, Urteil vom 26.02.2020 – 2 BvR 2347/15, 2 BvR 651/16, 2 BvR 1261/16, 2 BvR 1593/16, 2 BvR 2354/16, 2 BvR 2527/16, Rn. 297.

[5] BVerfG, Leitsätze zum Urteil des Zweiten Senats vom 26. Februar 2020, Nr. 6.

[6] BVerfG, Urteil vom 19.10.1971 – 1 BvR 387/65, BVerfGE 32, 98, 107 f.; BVerfG, Urteil vom 24.09.2003 – 2 BvR 1436/02; BVerfG, Urteil vom 23.03.201 – 2 BvR 882/09,  BVerfGE 108, 282, 300; BVerfG, Urteil vom 04.05.2011, 2 BvR 2365/09, 2 BvR 740/10, 2 BvR 2333/08, 2 BvR 1152/10, 2 BvR 571/10, BVerfGE 128, 326, 376; BVerfG, Urteil vom 14.01.2015 – 1 BvR 931/12,  BVerfGE 138, 296, 339 Rn. 109.

[7] BVerfG, Urteil vom 26.02.2020 – 2 BvR 2347/15, 2 BvR 651/16, 2 BvR 1261/16, 2 BvR 1593/16, 2 BvR 2354/16, 2 BvR 2527/16, Rn. 279.

[8] BVerfG, Urteil vom 26.02.2020 – 2 BvR 2347/15, 2 BvR 651/16, 2 BvR 1261/16, 2 BvR 1593/16, 2 BvR 2354/16, 2 BvR 2527/16, Rn. 275.

[9] BVerfG, Urteil vom 26.02.2020 – 2 BvR 2347/15, 2 BvR 651/16, 2 BvR 1261/16, 2 BvR 1593/16, 2 BvR 2354/16, 2 BvR 2527/16, Rn. 279.