IV. Strafrecht, Teil 3

Die fahrlässige Mitverursachung eines Suizids ist in Ermangelung einer ausdrücklichen Strafandrohung ebenfalls straflos.[1]

Die ärztliche Hilfeleistung zum Suizid ist nach den gleichen Grundsätzen straflos, denn auch anderslautende berufsrechtliche Vorgaben können keine Strafbarkeit begründen[2], denn ärztliches Standesrecht ist grundsätzlich auf die Statuierung berufsethischer Verhaltensstandards und nicht auf den Schutz von Rechtsgütern gerichtet[3].

Dieses Ergebnis ist rechtstheoretisch richtig, da der freiverantwortlich[4] handelnde Suizident seine Rechtsgüter selbstbestimmt und bewusst aufgibt und insofern nicht mehr strafrechtlich schutzbedürftig ist.[5] Vielmehr handelt er unter voller, eigenständiger Kontrolle des Geschehens, wodurch eine strafrechtliche Verantwortung Dritter ausgeschlossen ist.[6]

Sofern allerdings die Tatherrschaft[7] vom Suizidenten auf einen Dritten übergeht, kann eine strafbare Fremdtötung gem. §§ 211 ff. StGB vorliegen.

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[1] BGH, Urteil vom 16.05.1972 – 5 StR 56/72, BGHST 24, 342, 343 f.

[2] Fischer, § 217 Rn. 10; Sternberg-Lieben, Die objektiven Schranken der Einwilligung im Strafrecht, S. 338; Taupitz, Die Standesordnungen der freien Berufe Part 2, S. 1086 ff.; Lenckner/Sternberg-Lieben in: Schönke/Schröder, Vor. §§ 32 ff. Rn. 27.

[3] BVerfG, Urteil vom 14.07.1987 – 1 BvR 537/81, 1 BvR 195/87, BVerfGE 76, 171, 187.

[4] Roxin, Täterschaft und Tatherrschaft, S. 572.

[5] Fateh-Moghadam, Vorgänge Nr. 210, S. 58.

[6] Freund, Erfolgsdelikt und Unterlassen, S. 202; Frisch, Tatbestandsmäßiges Verhalten und Zurechnung des Erfolges, S. 159; Schumann, Strafrechtliches Handlungsunrecht und das Prinzip der Selbstverantwortung der Anderen, S. 110 f.

[7] Die Voraussetzungen für einen Übergang der Tatherrschaft sind umstritten: Herzberg, Beteiligung an einer Selbsttötung oder tödlichen Suizidgefährdung als Tötungsdelikt, S. 340; Wessels/Hettinger/Engländer, Strafrecht Besonderer Teil 1, Rn. 54; Roxin, Täterschaft und Tatherrschaft, S. 570; BGH, Urteil vom 15.05.1959 – 4 StR 475/58. BGHSt 13, 162, 166; BGH, Urteil vom 14.08.1963 – 2 StR 181/63, BGHSt 19, 135, 139; BGH, Urteil vom 05.07.1983 – 1 StR 168/83, BGHSt 32, 38 – 43.