IV. Strafrecht, Teil 5

4. Tötung durch Unterlassen, Behandlungsabbruch

Ein Arzt kann sich unter Umständen strafbar machen, wenn er einen Suizid nicht verhindert oder nach einem Suizidversuch nicht rettend eingreift.

Der BGH ging im sog. ´Fall Wittig´ von einer strafbaren Tötung durch Unterlassen gem. §§ 212 Abs. 1, 13 Abs. 1 StGB (oder bei Vorliegen von Mordmerkmalen gem. §§ 211, 13 Abs. 1 StGB) aus, wenn der garantenpflichtige Arzt dem Suizidenten nach Eintritt der Bewusstlosigkeit keine Hilfe leistet[1], da der Suizident mit Eintritt der Bewusstlosigkeit die Tatherrschaft verliere und somit sein bisheriger Wille unbeachtlich sei[2].  Regelmäßig wird ein Arzt bereits vor diesem Zeitpunkt für den Suizidenten tätig gewesen sein[3] oder als Bereitschaftsarzt[4] hinzugerufen werden, so dass ihn u.U. eine Garantenpflicht[5] aus Behandlungsvertrag, Ingerenz oder tatsächlicher Übernahme trifft. Verkennt der garantenpflichtige Arzt sorgfaltswidrig, dass der Tötungsentschluss des Suizidenten mit relevanten, nicht vom Arzt hervorgerufenen Willensmängeln behaftet ist, so kann er sich unter gleichen Voraussetzungen gem. §§ 222, 13 StGB wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen strafbar machen.

Diese autonomiefeindliche Rechtsprechung schwächt die verfassungsrechtlich geschützte Selbstbestimmung der Suizidenten und wird nicht nur in der Literatur inhaltlich[6] und rechtsdogmatisch[7] kritisiert. Auch Staatsanwaltschaften[8] und Instanzgerichte[9] folgten dem BGH mit Hinweis auf das Selbstbestimmungsrecht des Suizidenten und die spätestens mit Einführung der auch strafrechtlich relevanten Patientenverfügung gem § 1901a BGB geänderte Rechtslage nur noch selten. Hiervon abzugrenzen ist die mit Urteil des BGH vom 25.06.2010 umfassend geänderte passive Sterbehilfe durch Unterlassen (s.o.).

WEITER


[1] BGH, Urteil vom 12.02.1952 – 1 StR 59/50, BGHSt 2, 150, 152 f; BGH, Urteil vom 15.05.1959 – 4 StR 475/58, BGHSt 13, 162, 166; BGH, Urteil vom 04.07.1984 – 3 StR 96/84, BGHSt 367, 373 f.

[2] BGH, Urteil vom 04.07.1984 – 3 StR 96/84, BGHSt 32, 367, 374.

[3] So z.B. bei einem ärztlich assistierten Suizid oder dem hinzugerufenen Hausarzt.

[4] BGH, Urteil vom 01.03.1955 – 5 StR 583/54, BGHSt 7, 211.

[5] BGH, Urteil vom 01.03.1955 – 5 StR 583/54, BGHSt 7, 211, 212; Wessels/Beulke/Satzger, Strafrecht Allgemeiner Teil, § 16 II 5 c.

[6] Gropp, Suizidbeteiligung und Sterbehilfe in der Rechtsprechung, S. 100 f.; Ranft, Rechtsprechungsbericht zu den Unterlassungsdelikten, S., 912 f.; Schmitt, Der Arzt und sein lebensmüder Patient, S. 866 ff.

[7] Insbesondere BGH, Urteil vom 04.07.1984 – 3 StR 96/84, BGHSt 367, 373 f., da der BGH hier straffreies aktives Tun in ein strafbares Unterlassen umgedeutet hat; vgl. Roxin in: FS Dreher, S. 248 f.; Roxin, Täterschaft und Tatherrschaft, S. 475 f.; Otto, Gutachten D für den 56. Deutschen Juristentag, S. 68; inhaltlich ähnlich bereits Heinitz, Anmerkungen zu BGH, Urteil vom 02.11.1954 – 5 StR 492/54, S. 105.

[8] StA München I, Verfügung vom 30.07.2010 – 125 Js 11736/09, NStZ 2011, 345, 346.

[9] LG Deggendorf, Beschluss vom 13.09.2013 – 1 Ks 4 Js 7438/11, ZfL 2014, 95; LG Hamburg, Urteil vom 08.11.2017 – 619 KLs 7/16, NStZ 2018, 281; LG Berlin, Urteil vom 08.03.2018 – (502 KLs) 234 Js 339/13 (1/17), NStZ-RR 2018, 246.