IV. Strafrecht, Teil 6

5. Unterlassene Hilfeleistung

Ein Suizid wird allerdings spätestens ab dem Eintritt der Bewusstlosigkeit des Suizidenten strafrechtlich als Unglücksfall[1] einzustufen sein[2], so dass nun auch eine Strafbarkeit des nicht garantenpflichten anwesenden bzw. hinzukommenden Arztes wegen unterlassener Hilfeleistung gem. § 323c StGB[3] möglich ist, wenn dieser ihm zumutbare Hilfeleistungen verweigert (regelmäßig zumindest das Absetzen eines Notrufs) und den Eintritt des Todes abwartet.[4] Nach § 323c StGB ist das vorsätzliche Untätigbleiben bei Unglücksfällen strafbar, wenn die Hilfeleistung möglich, notwendig und zumutbar ist, wobei es gerade nicht auf die Erfolgsaussichten der unterlassenen Hilfeleistung ankommt, sondern lediglich auf die Wahrnehmung möglichst aller Rettungschancen.[5]

Allerdings wird die Hilfeleistung bei klar erkennbarer Freiverantwortlichkeit des Suizidenten[6] für einen Arzt aufgrund der für ihn unauflöslichen Konfliktsituation zwischen seiner Hilfspflicht und dem Selbstbestimmungsrecht des Suizidenten regelmäßig unzumutbar sein, so dass er in solchen Fällen den Suizid nicht verhindern muss.[7]

WEITER


[1] Ein Unglücksfall ist jedes mit einer gewissen Plötzlichkeit eintretende Ereignis, das erheblichen Schaden an Menschen oder Sachen verursacht und weiteren Schaden zu verursachen droht; BGH, Urteil vom 10.03.1954 – GSSt 4/53, BGHSt 6, 147, 152.

[2] pro: BGH, Urteil vom 10.03.1954 – GSSt 4/53, BGHSt 6, 147 ff..; BGH, Urteil vom 04.07.1984, 3 StR 96/84, BGHSt 32, 367, 375 f.; Wessels/Hettinger/Engländer, Strafrecht Besonderer Teil 1, Rn. 60; contra: Freund in: MüKoStGB, § 323c Rn. 59 ff.; Hecker in: Schönke-Schröder, § 323c Rn. 8.

[3] § 323c StGB ist zugleich echtes Unterlassungsdelikt und konkretes Gefährdungsdelikt, aber wohl kein Schutzgesetz i.S.d. § 823 Abs. 2 BGB.

[4] BGH, Urteil vom 04.07.1984 – 3 StR 96/84, BGHSt 32, 367, 381; Eisele, BT I, Rn. 192.

[5] BGH, Urteil vom 02.03.1962 – 4 StR 355/61, BGHSt 17, 166, 170.

[6] BGH, Urteil vom 08.07.1987 – 2 StR 298/87, NStZ 1988, 127 ff.; Eisele, BT I, Rn. 192.

[7] BGH, Urteil vom 04.07.1984 – 3 StR 96/84, BGHSt 32, 367, 381; BGH, Urteil vom 25.06.2010 – 2 StR 454/09, BGHSt 55, 191; Rengier, BT II, § 8 Rn. 20; Dölling, Suizid und unterlassene Hilfeleistung, S. 1016.