V. Teleologie, Utilitarismus, Teil 2

VI. Hume

Gerade auch für die medizinische Rechtsethik hat die rationale, deduktive Sollensethik[1] zwar einen entscheidenden Einfluss, deckt aber nicht das gesamte Themenfeld ab. So wird allseits erwartet, dass ethische Diskussionen vernünftig (also gerade nicht emotional) erfolgen, wobei Kritiker diese teilweise auch nur mit einem Nimbus der Sachlichkeit[2] umgeben sehen. Gerade aber bei ethischen Fragen am Lebensende spielen emotionale Faktoren bei allen Beteiligten eine essentielle Rolle.

David Hume (1711 – 1776) sprach den Emotionen einen signifikanten Stellenwert für moralische Urteilsbildung zu. Ihm zufolge wirken nicht nur Verstand und Gefühl bei nahezu allen moralischen Entscheidungen und Schlüssen zusammen[3], vielmehr setzen Menschen im Gegenteil ihren Verstand zumeist im Dienste ihrer Gefühle ein und rationalisieren somit lediglich, was sie durch ihre Gefühle wahrnehmen. So müsse zum Auslösen einer Handlung neben einem überzeugenden ethischen Argument zusätzlich immer auch ein Gefühl des Wollens vorhanden sein. Moralität hänge damit von einem allen Menschen von Natur aus eigenen[4] inneren Gefühl ab, woraus bei einer gewissen Nähe zu anderen Menschen Mitgefühl entstehen soll. Hume schlug vor, diese natürlichen Tugenden[5] durch das (gerade nicht natürliche, sondern lediglich durch Erziehung und menschliche Übereinkunft entstandene[6]) Recht zu unterstützen.[7]

Im medizinischen Kontext funktioniert dieser Mechanismus gut, sobald es wie bei einer ärztlichen Hilfeleistung am Lebensende um konkrete und (zumindest eingeschränkt) persönlich bekannte Patienten geht, während er z.B. im anonymisierten öffentlichen Gesundheitswesen (z.B. in der auf Populationen bezogenen Gesundheitsökonomie) nur eingeschränkt wirkmächtig ist. [8]

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[1] Daher teilweise auch als Ingenieursethik kritisiert, vgl. Caplan, Applied Ethics, S. 26.

[2] Lutz, Die Rolle der Emotionen in medizinethischen Diskursen, S. 77.

[3] Hume, Eine Untersuchung über die Prinzipien der Moral, S. 91.

[4] Hume, Eine Untersuchung über die Prinzipien der Moral, S. 91.

[5] Hume, Ein Traktat über die menschliche Natur, S. 691.

[6] Hume, Ein Traktat über die menschliche Natur, S. 562

[7] Hume, Ein Traktat über die menschliche Natur, S. 555.

[8] Wallner, Rechtsethik in der Medizin, S. 82 f.