VII. Prinzipien-basierte Ethik, Teil 3

Das Nichtschadensprinzip steht in der antiken ärztlichen Tradition des ´primum non nocere´[1] und fordert den Arzt auf, keinem Patienten Schaden zuzufügen. Die Definition des Begriffs ´Schaden´ hängt im medizinischen Kontext eng mit dem jeweiligen berufsspezifischen Krankheitsbegriff[2], dem (oft unbewusst zugrunde gelegten) Menschenbild und der individuellen Risikoeinschätzung des Arztes zusammen. So kann sich am Lebensende des Patienten die Frage stellen, ob ein Gewinn an Lebenszeit zu Lasten der Lebensqualität dem Patienten nicht eher schadet als hilft. Allerdings gilt auch dieses Prinzip nur prima facie, unterliegt also ebenfalls einer Abwägung insbesondere mit dem Autonomieprinzip. Eine entsprechende Pflichtenkollision wird regelmäßig zugunsten der Patientenautonomie aufzulösen sein.

Scheinbar eng mit dem Nichtschaden-Prinzip verbunden ist das wesentlich partikulärere Prinzip des Wohltuns.[3] Hier wird moralisch ähnlich unterschieden, wie im Strafrecht: zur ersten Hilfe ist demnach jeder verpflichtet, zu weitergehenden Hilfs- und Heilmaßnahmen auch der Arzt nur unter den für die Begründung einer Garantenpflicht bekannten Voraussetzungen.

Rechtsethisch beschränkt sich die Wohltunspflicht auf einen durchschnittlichen, gerade nicht überobligatorischen Maßstab, da auch aus ethischer Perspektive kein vortreffliches Verhalten eingefordert (und somit zum eigentlichen Standard deklariert) werden kann. Eine andere Ansicht birgt die Gefahr, dass vermeintliche Wohltäter unter dem Vorwand eines Strebens nach optimalem Wohltun für den Patienten diesen paternalistisch fremdbestimmen[4], vor allem auch, da es in der Praxis schwierig ist, vorab den möglichen (wohltuenden) medizinischen Benefit einer geplanten ärztlichen Behandlung abzuschätzen und zu bemessen. Schließlich postuliert das Prinzip der Gerechtigkeit als geschuldeter Sozialmoral[5] auf den individuellen Patienten bezogen, dass ein Arzt seinen Patienten nicht diskriminiert. Eine ausreichende Verfahrensgerechtigkeit, also die gerechte und transparente Gestaltung von Entscheidungsprozessen, kann dazu führen, dass die Beteiligten das Resultat als gerecht empfinden.[6]

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[1] Vgl. Steinvorth, Zum “primum non nocere” aus philosophischer Sicht.

[2] Beispielsweise physiologischer, psychologischer, soziologischer oder bevölkerungs- bezogener Krankheitsbegriff.

[3] Wallner, Rechtsethik in der Medizin, S.105 ff.

[4] Beauchamp / Childress, Principles of Biomedical Ethics, S. 214 ff.

[5] Höffe, Gerechtigkeit: Eine philosophische Einführung, S. 28.

[6] Wallner, Rechtsethik in der Medizin, S. 109.