V. Teleologie, Utilitarismus

Die Teleologische Ethik (auch: Erfolgsethik, Verantwortungsethik, Konsequentialismus, vom griechischen ´telos´ = Ziel, Ausgang, Erfolg) trifft moralische Urteile vor allem aufgrund der für den Handelnden vorhersehbaren temporären oder anhaltenden Konsequenzen menschlichen Verhaltens, nicht aber aufgrund der zugrunde liegenden Motivation oder aufgrund der Handlung selbst und umfasst vor allem[1] die utilitaristischen[2] Theorien.[3]

Diese setzen ihren Schwerpunkt auf den saldierten Nutzen der Konsequenzen einer Handlung und fordern, so zu handeln, dass die Folgen der Handlung für das Wohlergehen aller Betroffenen optimal sind  (Handlungsutilitarismus)[4] bzw. dass der Saldo aller als Folgen einer Handlung wahrscheinlich zu erwartender Freuden und Schmerzen optimiert wird[5]. Am prägnantesten formuliert es wohl Hutcheson mit seiner Forderung nach dem größtmöglichen Glück für die größtmögliche Zahl an Menschen.[6] Wohl allen utilitaristischen Theorien ist eigen, dass sie bei der Nutzenberechnung ein universalistisches Prinzip verfolgen, also alle Betroffenen berücksichtigen und nicht nur ausgewählte Personengruppen.[7]

Der klassische Utilitarismus[8] versteht unter dem Gesamtnutzen einer Handlung die Summe aller absehbaren Freuden abzüglich der Summe des absehbar verursachten Leids.

Eine medizinethische utilitaristische Nutzenabwägung könnte daher zu erwartende spätere körperliche und psychische Freude eines Eingriffs (z.B. Erreichen dauerhafter Schmerzlosigkeit, Überwinden einer Depression, Wiedererlangung des Appetits und der Lebensfreude, Heilung von Bewegungseinschränkungen) mit dem möglichen, durch den Eingriff verursachten Leid (z.B. Schmerzen des Eingriffs und der Rekonvaleszenz, durch eine ärztliche Diagnose oder fehlgeschlagene Therapie verursachte Niedergeschlagenheit, dauerhafte Apathie, Immobilität, Nebenwirkungen z.B. einer Strahlentherapie oder einer Chemotherapie) saldieren.

Moderne utilitaristische Theorien[9] definieren den Nutzen vermehrt unter Einbeziehung der Patientenpräferenzen[10], womit sie z.B. auch Faktoren wie Selbstbestimmung, Sinnerfüllung, gesellschaftliche Teilhabe oder gemeinschaftlichen Zusammenhalt betrachten. Eine medizinethische Nutzenabwägung könnte somit auch eine absehbare Verbesserung der Lebensqualität sowie zu erwartende gesellschaftliche Kosten der Behandlung berücksichtigen.[11]

Gerade dem Handlungsutilitarismus wird vorgeworfen, dass er die Ausbeutung von Minderheiten zum Nutzen der Mehrheit ermöglicht. Dem versucht der Regelutilitarismus vorzubeugen, indem er auch nach den weiteren Konsequenzen einer Norm fragt. Eine den Minderheitenschutz massiv verletzende Norm würde auch bei der Mehrheit zu Furcht und Widerstand führen, da jeder befürchten müsste, demnächst ebenfalls zu einer benachteiligten Minderheit zu gehören – die Nutzenbilanz wäre also insgesamt negativ.[12]

Der Utilitarismus ist in der Medizinethik nützlich, sobald es bei Ressourcenknappheit um Fragen im Spannungsfeld von Individualinteressen und Kollektivinteressen geht (z.B. in der Gesundheitsökonomie[13], der klinischen Forschung oder bei einer Triage im Katastrophenfall).

Allerdings ist der Utilitarismus wenig geeignet, Individualrechte zu gewährleisten, da er Nutzen und Schaden jeweils auf Basis einer universellen Population aggregiert und somit systematisch auch unveräußerliche Rechte des einen Individuums mit dem Nutzen eines anderen Individuums saldiert.[14] Dies stößt bei Entscheidungen am Lebensende spätestens dann an seine Grenzen, wenn wie in der aktuellen Diskussion zur ärztlichen Hilfeleistung zum Suizid Grundrechte bzw. Menschenrechte des Patienten zur Wahrung (vermeintlicher) Gemeinwohlinteressen verletzt werden.

Auch besteht ein generelles Problem des Utilitarismus darin, medizinethische Richtlinien zur konkreten Messung des Nutzens zu liefern.

Gerade am Lebensende besteht in der Medizin ein offener Dissens darüber, was dem Patienten nutzt und was ihm schadet. Verschiedene Berufsgruppen beurteilen diese Frage kontrovers, ein einheitliches Schema existiert bislang nicht. Darüber hinaus besteht keine Einigkeit darüber, wie eine solche Abwägung im Einzelfall vorgenommen werden soll – welche konkrete Verkürzung der Lebenszeit (in Jahren) ist z.B. mit welchem Zuwachs an Lebensqualität durch Schmerzlinderung und Verbesserung der Selbstbestimmtheit des Patienten gegenzurechnen ? Wie genau berechnet man (auch unter Berücksichtigung des ethischen Vorsichtsprinzips ´in dubio pro malo´) die konkrete Wahrscheinlichkeit von Risiken (z.B. einer möglichen Lebenszeitverkürzung durch starke Schmerzmittel oder dem Eintritt starker, belastender Nebenwirkungen einer Bestrahlung)?[15]

Nach alledem kann der Utilitarismus somit nur wenig zur Frage des ärztlich assistierten Suizids beitragen, obgleich gerade von dessen Gegnern gerne utilitaristische Argumente angeführt werden. Gemeinwohlinteressen sind zwar grundsätzlich bei wohl jeder ethischen Entscheidung zu berücksichtigen, dürfen aber keinesfalls mit höchstpersönlichen Gütern, wie der Menschenwürde und der Privatautonomie am Lebensende saldiert werden.

WEITER


[1] Ein weiterer Vertreter des Konsequentialismus ist der ethische Egoismus, vlg. Frankena, Ethik.

[2] Lateinisch: utilitas = Nutzen.

[3] Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, S. 91; Wallner, Rechtsethik in der Medizin, S. 62 ff.

[4] Höffe, Einführung in die utilitaristische Ethik, S. 11.

[5] Sidgwick, The Methods of Ethics, S. 104.

[6] Hutcheson, Eine Untersuchung über den Ursprung unserer Ideen von Schönheit und Tugend, S. 71.

[7] Höffe, Einführung in die utilitaristische Ethik, S. 11.

[8] Maßgeblich vertreten durch Jeremy Bentham (1748-1832), John Stuart Mill (1806 – 1873) und Henry Sidgwick (1838 – 1900).

[9] Vgl. Greene, Moral Tribes.

[10] Singer, Praktische Ethik, S. 128.

[11] Wallner, Rechtsethik in der Medizin, S. 64.

[12] Wallner, Rechtsethik in der Medizin, S. 65.

[13] Vgl. Deutscher Ethikrat, Nutzen und Kosten im Gesundheitswesen.

[14] Wallner, Rechtsethik in der Medizin, S. 70.

[15] Wallner, Rechtsethik in der Medizin, S. 68 f.