VIII. Stand der Diskussion, Teil 2

2. Gegen ärztliche Hilfe zum Suizid

Die Gegner eines ärztlich assistierten Suizids begründen ihre Position meist mit einer Reihe säkularer Argumente, welchen oft zumindest indirekt religiöse bzw. anthropologische Vorstellungen zugrunde liegen.

a) Absoluter Lebensschutz

Ein sich seit der Antike wiederholendes Thema ist die Forderung nach absolutem Lebensschutz, da eine göttliche oder doch zumindest religiöse Pflicht zum Leben bestehe. Meist wird diese damit begründet, dass nur, wer Leben geben kann, auch Leben nehmen dürfe. Aus säkularer Perspektive ist dieses Argument zumindest Ausdruck einer Lebensethik, welche den Tod als natürliches Element des Lebens ignoriert.[1]

Mit Blick auf die in der Vergangenheit im Namen verschiedener Religionen begangener Gräueltaten sollten religiöse Argumente in einer ethischen Diskussion zurückhaltend gebraucht werden.[2] Diese mögen zwar individuelle moralische Ansichten prägen, sind aber nur selten universell verallgemeinerungsfähig.

Auch gilt selbst im religiösen Kontext der geforderte absolute Lebensschutz gerade nicht unbedingt, so zumeist nicht bei einer auch theologisch anerkannten rechtfertigenden Pflichtenkollision, im Fall von Notwehr, im Rahmen eines Verteidigungskriegs oder manchmal sogar bei der Tötung ´Ungläubiger´ in einem religiös motivierten Angriffskrieg.

In einem pluralistischen und säkularen Staat dürfen religiöse Meinungen weder explizit noch implizit Einfluss auf legislative oder judikative Entscheidungsprozesse haben. Diese Forderung wird allerdings kaum praktisch umsetzbar sein, da das Parlament als Gesetzgeber letztlich aus Menschen besteht, welche neben einer öffentlich geäußerten politischen Meinung immer auch private handlungsleitende Motive haben.

Bei genauerer Betrachtung erweist sich das Argument des absoluten Lebensschutzes als ideologisch motiviertes Schlagwort, welches zwar rhetorisch geschickt, aber unzulässig von der allgemein anerkannten Unantastbarkeit des menschlichen Lebens im Normalfall auf eine unbedingte und ausnahmslose Unantastbarkeit des Lebens verallgemeinert und somit alle Abweichungen vom Normalfall ignoriert.[3]

Letztlich impliziert eine derart postulierte absolute Unantastbarkeit, dass der Lebensschutz das ethisch absolut höchste Gut sei. Sollte dies tatsächlich der Fall sein, so wären bei folgerichtiger Umsetzung keine Ausnahmen möglich (z.B. Notwehr), was in letzter Konsequenz sowohl zu einer ethischen Pflicht des Erduldens jeglicher Übergriffe Dritter, als auch zu einer gerade am Lebensende eventuell unerträglichen ´Pflicht zum Leben´[4] führen würde.

WEITER


[1] Girshovich, Wem gehört der Tod ?, S. 32.

[2] Girshovich, Wem gehört der Tod ?,, S. 48.

[3] Hoerster, Sterbehilfe im säkularen Staat, S. 16 f.

[4] Die katholische Kirche ist insofern konsequent, als dass sie sogar die Gabe von Schmerzmitteln am Lebensende nur eingeschränkt toleriert, da das Leid eines Sterbenden diesen (wieder) zu seinem Gott führen soll. Die Widersprüche eines absoluten Lebensschutzes, z.B. zu der auch von der katholischen Kirche theologisch anerkannten Figur der rechtfertigenden Pflichtenkollision, bleiben allerdings bestehen.