VIII. Stand der Diskussion, Teil 4

e) Strohfiguren-Argument

Eng hiermit verbunden ist das sog. Strohfiguren-Argument[1], bei welchem einer tatsächlichen oder fiktiven Person oder Organisation bestimmte ethisch zu missbilligende Absichten oder Eigenschaften unterstellt werden, deren generell akzeptierte Ablehnung dann zur Ablehnung des gesamten Sachverhaltes führen soll. Dieses Argument ist rein rhetorisch, da nicht logisch.

In der aktuellen Diskussion wird es in verschiedenen Variationen auf mit der Sterbehilfe beschäftigte Ärzte oder sog. Sterbehilfevereine angewandt. Diesen wird neben finanziellen Interessen auch das Interesse am Ausleben der persönlichen Ideologie oder gar der Lust am straffreien Töten nachgesagt.[2]

f) Argumentum ad populum

In fast jeder Diskussion über ärztlich assistierten Suizid wird eine Variante des argumentum ad populum angewandt. Hierbei handelt es sich um eine rhetorische Figur, in welcher behauptet wird, dass es in der Bevölkerung eine Mehrheit, zumindest aber eine ausreichend große Zahl an Befürwortern für die eigene These gebe und diese daher wahr / richtig / gut / ethisch vertretbar oder auch alternativlos sei. Gerade im demokratischen Meinungsbildungsprozess hat diese Argumentation zunächst intuitive Überzeugungskraft. So heißt es z.B. in der Gesetzesbegründung zur Einführung des neuen (inzwischen aufgehobenen) § 217 StGB:

“Insbesondere in Verbindung mit dem geschilderten, weit verbreiteten Empfinden, man sei im Alter und/oder bei schwerer Krankheit eine Last (…). Dies sind aus Sicht des Gesetzgebers beunruhigende Entwicklungen, denen wirksam Einhalt geboten werden muss.”[3]

Bei genauerer Betrachtung ist ein solches Argument jedoch regelmäßig falsch. Oft sind bereits die dem Argument zugrunde liegenden Behauptungen nicht wissenschaftlich valide, aus dem Kontext genommen oder schlichtweg erfunden. Dies kann allerdings meist dahingestellt bleiben, da selbst eine Mehrheit in der Bevölkerung oder in einem Parlament nicht dazu führt, dass eine Behauptung wahr oder ethisch vertretbar ist – die Geschichte hat gezeigt, dass es auch kollektive Irrtümer gibt, teils mit fatalen Konsequenzen.[4]

WEITER


[1] Wallner, Rechtsethik in der Medizin, S. 136 f.

[2] BT-Drs. 18/5373, S. 11.

[3] BT-Drs. 18/5373, S. 18.

[4] Wallner, Rechtsethik in der Medizin, S. 136.