VIII. Stand der Diskussion, Teil 3

b) Logisches Dammbruchargument

Oftmals verbirgt sich das Postulat des absoluten Lebensschutzes hinter dem Argument der schrägen Ebene, auch Dammbruchargument genannt. Dieses teilt sich in das logische und das erfahrungsgemäße Dammbruchargument.

Das logische Dammbruchargument weist darauf hin, dass jegliche gesetzliche Freigabe eines ärztlich assistierten Suizids mit unbestimmten Rechtsbegriffen und im Detail unscharfen Definitionen einhergehen würde. Hierdurch würden Unsicherheiten sowohl für die Allgemeinheit, als auch für die klinisch handelnden Ärzte entstehen. Vor allem aber würde eine liberale Regelung für bestimmte Patientengruppen zu einer mit dem Hinweis auf eine möglicherweise unsachliche Differenzierung verbundene Forderung anderer Patientengruppen auf Gleichbehandlung und somit eine ständige Ausweitung der Norm führen. Dies sei gerade die schiefe Ebene, welche es zu vermeiden gelte – wenn man erst einmal eine Ausnahme erlaube, so werde man in Zukunft auch weitere Ausnahmen zulassen müssen.

c) Erfahrungsgemäßes Dammbruchargument

Eng hiermit verbunden ist das ebenfalls regelmäßig vorgebrachte erfahrungsgemäße Dammbruchargument, welches nicht mit Logik argumentiert, sondern mit bereits gemachten Erfahrungen zu überzeugen versucht, so z.B. mit der Rechtslage in den Niederlanden. Hierzu ist die widersprüchliche Datenlage trotz der jahrzehntelangen Erfahrungen noch nicht für valide Aussagen geeignet, da gerade zur möglichen Vermehrung von Fallzahlen ärztlich assistierten Suizids bzw. der in den Niederlanden rechtlich gleichgestellten legalen aktiven ärztlichen Sterbehilfe kein hinreichender Vergleich der Zahlen vor und nach der Legalisierung vorliegt. Soweit die Statistiken eine Zunahme ausweisen, ist nicht geklärt, ob dies auf einer Zunahme der absoluten Fallzahlen basiert oder lediglich auf einer Verringerung der Dunkelziffer.[1]

d) Totschlagargument

Als sog. Totschlagargument wird auch der Vergleich mit den historischen Erfahrungen des Nationalsozialismus bemüht, denn jegliche Freigabe sei ein zu verhindernder erster Schritt zurück zu dessen Tötungsmaschinerie.

Inhaltlich ist dieses Argument falsch, da gerade nicht die Wahrung der Patientenautonomie zum nationalsozialistischen Unrecht geführt hat, sondern deren völlige Ausschließung. Denn nur die (im heutigen demokratischen Rechtsstaat unmögliche) Totalinstrumentation ganzer Bevölkerungsgruppen zur Erreichung übergeordneter ideologischer Ziele führte zur eklatanten Verletzung von Individualrechten.

Diesem Argument ist trotz seiner inhaltlichen Inkonsistenz in einem öffentlichen Diskurs wenig entgegenzusetzen, meist bleibt lediglich die Offenlegung als populistische Rhetorik.[2]

WEITER


[1] Hübner, Sterbehilfe – ein unbekanntes Terrain, S. 97 ff.

[2] Wallner, Rechtsethik in der Medizin, S. 137.