VIII. Stand der Diskussion, Teil 5

g) Gefährdung der Patientenautonomie / Nudging

Ein weiteres Argument gegen den ärztlich assistierten Suizid ist die Befürchtung eines sog. ´nudging´, also der Gefahr, dass sich Alte und Kranke mit Blick auf eine legale und organisierte Suizidhilfe durch ihr soziales Umfeld genötigt sehen könnten, ab einem gewissen Punkt diese Hilfe auch tatsächlich in Anspruch zu nehmen und ein Weiterleben über diesen Punkt hinaus rechtfertigen müssten.[1]

Da dies gerade zu einer Einschränkung der ethisch und verfassungsrechtlich zu gewährleistenden Patientenautonomie führe, sei jegliche Form von legaler, institutionalisierter Sterbehilfe abzulehnen, da auch eine nur teilweise Liberalisierung ein Einfallstor vielfältiger sachfremder Partikularinteressen sein könnte, so z.B. für eine Kostenoptimierung des öffentlichen Gesundheitswesens, für die Vermeidung von Pflegelast bei Angehörigen oder gar für monetäre Interessen potentieller Erben. In der  Gesetzesbegründung zur Einführung des neuen (inzwischen aufgehobenen) § 217 StGB heißt es:

“Zu Recht ist darauf hingewiesen worden, durch die zunehmende Verbreitung des assistierten Suizids könnte der fatale Anschein einer Normalität und einer gewissen gesellschaftlichen Adäquanz, schlimmstenfalls sogar der sozialen Gebotenheit der Selbsttötung entstehen und damit auch Menschen zur Selbsttötung verleitet werden, die dies ohne ein solches Angebot nicht täten.”[2]

Es handelt sich bei diesem Argument um eine Behauptung, welche zwar schon seit Jahrzehnten regelmäßig aufgestellt, bislang aber noch nicht wissenschaftlich nachgewiesen werden konnte. Gerade aufgrund der langjährigen Erfahrung in Nachbarländern stünden ausreichend empirische Daten für entsprechende Untersuchungen zur Verfügung. Bis zu einem wissenschaftlich validen Nachweis scheint es sich somit auch bei diesem Argument lediglich um eine rhetorische Figur zu handeln, mit welcher Ängste in der Bevölkerung und somit auch bei den letztlich entscheidenden Parlamentariern geschürt werden soll.

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[1] Girshovich, Wem gehört der Tod ?, S 26 ff.

[2] BT-Drs. 18/5373, S. 11.