VIII. Stand der Diskussion, Teil 7

In diesem Zusammenhang wird regelmäßig auf die palliativmedizinische Möglichkeit einer tiefen, kontinuierlichen Sedierung verwiesen, welche zwar oft um den Preis des klaren Bewußtseins und gewisser Lebenszeit des Patienten diesem die mit dem Sterben verbundenen Symptome nehme und somit vielleicht nicht jeden Suizid, so aber doch zumindest jede Form eines ärztlich assistierten Suizids überflüssig mache. Die hiermit meist unvermeidbare Lebenszeitverkürzung sei nach der (aus der katholischen Moraltheologie hergeleiteten) Lehre von der Doppelwirkung[1] ethisch vertretbar, da die negativen Effekte die positiven Effekte nicht überwiegen und die Absicht des handelnden Arztes sich auf die guten Effekte (Symptomlinderung) beziehe.[2]

Selbst wenn man diese Forderungen grundsätzlich unterstützt, so bleiben doch Patienten über, bei denen das Sterben trotz Ausschöpfens aller schmerztherapeutischer und palliativmedizinischer Möglichkeiten mit unsäglichen körperlichen bzw. psychischen Leiden verbunden ist. Gerade diese verzweifelten Patienten wünschen sich oftmals einen sanften Tod als Erlösung aus ihrer scheinbar ausweglosen Situation, während die Medizin als letzte legale Möglichkeit nur eine (zumeist endgültige) Sedierung im Rahmen der indirekten Sterbehilfe anzubieten hat.

Obwohl sowohl die Palliativstationen als auch die Hospizbewegung in den letzten Jahren zunehmend gewachsen sind, können laut einer Studie der Deutschen Stiftung Patientenschutz[3] aus dem Jahr 2010 derzeit nur ca. 12 Prozent der Sterbenden palliativ oder hospizlich betreut werden, obwohl ca. 60 Prozent eine solche Behandlung benötigen. Umgerechnet heißt dies, dass 78,2 Prozent der Patienten, welche eine solche Behandlung benötigen, ohne bedarfsgerechte Behandlung sterben müssen. Allein diese Zahlen widerlegen die Behauptung, dass kein Mensch beim Sterben leiden müsse und somit auch kein Bedarf für einen ärztlich assistierten Suizid bestehe.

WEITER


[1] Vgl. Aulisio, Double Effect.

[2] Wallner, Rechtsethik in der Medizin, S. 131.

[3] Vgl. Deutsche Stiftung Patientenschutz, HPCV-Studie 2010.