VIII. Stand der Diskussion, Teil 8

3. Abwägung

Der in der Diskussion um den ärztlich assistierten Suizid oftmals unterschwellig vorhandene Glaube an die zu Bewahrende Natürlichkeit des Lebens, seines Beginns und seines Endes, stellt sich bei näherer Betrachtung ebenfalls als nicht haltbar heraus, denn bei strenger Befolgung dieser Idee müssten auch (insofern nicht natürliche) Kaiserschnitte verboten werden. Wer also jegliche Hilfeleistung zum Suizid mit dem Argument ablehnt, der Tod müsse natürlich und spontan (z.B. in einem Hospiz) erfolgen, der müsste aus der gleichen Logik heraus auch jegliche medizinisch unterstützte Geburt verbieten.

Doch ist in Anbetracht der heutigen Medizin ein spontaner und natürlicher Tod eine seltene Ausnahme, denn ab einem gewissen Zeitpunkt können Ärzte nicht mehr heilen, sondern nur noch den Tod (durch Medizintechnik scheinbar fast unbegrenzt) hinauszögern.[1] Manches Leben besteht nur noch, weil die Medizin systembedingt vor allem darauf abzielt, Lebenszeit zu verlängern.[2] Sofern also Menschen nur noch durch moderne Medizin am Leben gehalten werden, könnte man ärztlich assistierten Suizid auch so verstehen, dass ein Arzt nicht einem Menschen beim Sterben hilft, sondern vielmehr, dass er aufhört, ihn unnatürlich am Leben zu erhalten.[3]

Nach alledem spricht viel für eine gesetzliche Freigabe eines formalisierten ärztlich assistierten Suizids, denn die Gegenargumente haben sich bei näherer Betrachtung als wenig tragfähig herausgestellt. Im Kern geht es um die Patientenautonomie als Ausdruck der jeglicher modernen Ethik zugrundeliegenden Menschenwürde, welche Gefahr läuft, durch in einem pluralistischen und säkularen Staat unangebrachte, als Fürsorge für die Patientenautonomie getarnte religiöse Anschauungen verletzt zu werden. Das ethische Gebot des Wohltuns würde so in eine paternalistische Bevormundung kippen und der vorgebliche Patientenschutz würde die zu schützenden Patienten gerade in einer existentiellen Notlage am Lebensende ohne ausreichende Hilfe mit ihrem Leid allein lassen.

WEITER


[1] Girshovich, Wem gehört der Tod ?, S. 8 f.

[2] Girshovich, Wem gehört der Tod ?,, S. 36 f.

[3] Girshovich, Wem gehört der Tod ?, S. 39.