VIII. Stand der Diskussion

Die Analyse der anhaltenden Diskussion um die ärztliche Hilfe zum Suizid zeigt, dass sich bestimmte Argumente wiederholen – meist ohne, dass die Interessengruppen inhaltlich auf die jeweiligen Gegenpositionen eingehen. Nachfolgend sollen die wesentlichen Argumente pro und contra ärztlicher Hilfe zum Suizid dargestellt und abgewogen werden.

1. Für ärztliche Hilfe zum Suizid

Das Hauptargument für einen ärztlich assistierten Suizid ist neben einigen positiven Nebeneffekten die Sicherstellung der Patientenautonomie und somit der Menschenwürde des selbstbestimmten Suizidenten.

a) Patientenautonomie

Über die Jahrhunderte hat die Ärzteschaft ein nur begrenzt auf die Bedürfnisse des Patienten eingehendes Standesethos entwickelt. So herrschte in der Antike die Vorstellung vor, der Arzt übe eine privilegierte Kunst aus, welche vom Lehrer auf den Schüler weitergegeben wird und die es vor Außenstehenden zu schützen galt. Im Zweifel hatte sich der Arzt daher nicht den Wünschen des Patienten zu beugen, sondern der ärztlichen Kunst um ihrer selbst willen den Vorrang zu gewähren. Die Wahrung von Patientenautonomie war somit zunächst kein relevanter Bestandteil der ärztlichen Tätigkeit. Dies änderte sich im Laufe der Zeit, da Menschenrechte eine immer stärker abgesicherte Position erlangten. In unserer heutigen Gesellschaft besteht das oberste Ziel des Staates im verfassungsrechtlich garantierten Schutz der individuellen Menschenwürde, woraus sich neben dem Recht auf körperliche Unversehrtheit als dessen Ergänzung und Spiegelbild auch das Recht auf Patientenautonomie ableitet.

In der klinischen Praxis trifft die Patientenautonomie allerdings regelmäßig auf ein althergebrachtes ärztliches Selbstverständnis, welches zwar grundsätzlich gewillt ist, die Patientenautonomie über Grundsätze wie z.B. ´informed consent´ zu wahren, aber gerade im Grenzbereich von Entscheidungen am Lebensende die zentrale Position des Patienten oftmals vernachlässigt. So werden Behandlungsentscheidungen ´nach ärztlichem Ermessen´, ´im Dialog des interdisziplinären Behandlungsteams´, ´nach Rücksprache mit den Angehörigen´ oder ´gemäß Leitlinie´ getroffen, wobei der Patient (analog zum antiken ärztlichen Selbstverständnis und gemäß dem aktuellen ärztlichen Standesrecht) eher das Objekt der ärztlichen Therapiefreiheit und weniger das selbstbestimmte Subjekt einer gleichberechtigten Dienstleistungsbeziehung ist. Spätestens, wenn außerhalb einer akuten Notfallsituation eigenmächtige ärztliche Entscheidungen getroffen werden, dürfte eine Totalinstrumentalisation des Patienten vorliegen und dann sowohl die Menschenwürde des Patienten als auch die von Kant geforderte Behandlung des Patienten (zumindest auch) als Zweck der ärztlichen Tätigkeit und nicht nur als deren Mittel verletzt sein.

Gerade bei der ärztlichen Hilfe zum Suizid konkretisiert sich also das Spannungsfeld zwischen ärztlichem Standesethos und modernem Verständnis von Würde und Autonomie. Wie weit ist die Ärzteschaft bereit, den freien Willen des Einzelnen auch dann zu respektieren, wenn dieser den ärztlichen Vorstellungen zuwider läuft ?[1]

Zwar ist unbestritten, dass kein Arzt wider Willen beim Suizid eines Patienten assistieren muss, denn auch diese Freiheit ist eine Form der individuellen Autonomie.

Allerdings führt jede generelle Ablehnung einer ärztlichen Hilfeleistung (sei es durch ärztliches Standesrecht oder das gesetzliche Verbot von organisierter Suizidhilfe) dazu, dass Patienten in Deutschland faktisch nicht in der Lage sind, Zugang zu den für einen sicheren und ärztlich überwachten Suizid notwendigen verschreibungspflichtigen Arzneimitteln zu erlangen. Anstelle (wie von den Gegnern der ärztlichen Suizidhilfe behauptet) zu einer Stärkung der Patientenautonomie, führt dies im Gegenteil zu einer Entmündigung. Den Patienten bleiben dann nur sehr unbefriedigende Alternativen: sie können in der zum Suizidwunsch führenden Situation verbleiben, sie können legale Möglichkeiten im benachbarten Ausland in Anspruch nehmen oder den unsicheren und potentiell für Angehörige und Auffindende belastenden Laiensuizid wählen.

Befürworter sehen dagegen gerade in der ärztlichen Suizidhilfe eine Möglichkeit, geeignete Patienten zu schützen und ihre Privatautonomie zu sichern. Hierzu wird oft ein abgesichertes Prozedere vorgeschlagen, welches z.B. durch mehrere unabhängige Begutachtungen sicherstellen soll, dass der Suizidwunsch tatsächlich selbstbestimmt ist und nicht z.B. Folge einer psychischen Störung.

Insofern besteht zwar ein legitimes Schutzinteresse, durch staatliche Maßnahmen einen ausreichenden individuellen Übereilungsschutz sicherzustellen.[2] Dies darf aber gerade nicht dazu führen, dass ein freiverantwortlicher Suizid unmöglich gemacht wird.

b) Mögliche Suizidverhinderung

Eine institutionalisierte Möglichkeit zum ärztlich assistierten Suizid kann (insofern zunächst kontraintuitiv) auch zur von ihren Gegnern oftmals als Begründung für verschärfende Gesetzesvorschläge angegebenen Verhinderung von Suiziden führen. Patientenbefragungen haben gezeigt, dass bereits die konkrete, realistische und selbstbestimmte Möglichkeit eines ärztlich assistierten Suizids manche Patienten von einem Laiensuizid abhalten und so mit neuer Standhaftigkeit weiterleben lassen kann.[3]

WEITER


[1] Girshovich, Wem gehört der Tod ?, S. 48 f.

[2] Engländer, Strafbarkeit der Suizidbeteiligung, in: FS für Schünemann, S. 583, 591 ff.

[3] Girshovich, Wem gehört der Tod ?, S. 7 ff.